Druckansicht eines Zeitungsartikels zu
spiritualität
alltag
ausgewählt:
|
| |
| Autor: Karl Theodor Wiek |
| erschienen: 03.01.2007 |
| Herausgeber: Elraanis Verlag |
| Kontakt zum Autor: info@lebensqualitaet-wiek.com |
| | „Ich“ und „Du“ |
 Paar-BeziehungenFür viele sicherlich eines der besonderen Themen dieses Lebens: die Paarbeziehung. Karl Theodor Wiek nähert sich diesem Thema auf seine bekannt sensible und gründliche Art. Dieser Artikel darf auch als Auftakt für seinen nächsten Artikel (Lichtfokus 17) gesehen werden, „Leben aus dem Herzen“.
|
Das Wissen umeinanderEin wahrhaft spektakulär erscheinendes Verhalten bei Paarbeziehungen haben Quantenphysiker beobachtet. Sie schickten die Partner von Lichtquanten-Pärchen auf unterschiedlich langen Wegen zum selben Ziel auf die Reise. Da die Geschwindigkeit des Lichtes als eine konstante Größe in der Physik gilt, musste man davon ausgehen, dass sie zeitversetzt am Ziel ankommen würden. Entgegen allen Erwartungen kamen jedoch beide Partner immer zum selben Zeitpunkt am Ziel an. Die einzige Erklärung, die Quantenphysiker zu diesem unseren alltäglichen physikalischen Gesetzen widersprechenden Verhalten einfällt, ist: Beide Partner wissen in jedem Augenblick um den anderen und richten ihr Verhalten so ein, dass sie mit Sicherheit wieder zusammentreffen! Mit Hilfe dieser Fähigkeiten würden sich auch menschliche Paarbeziehungen harmonischer gestalten.
Alle Bestandteile unseres Lebens stehen miteinander in Beziehung. Alles, was wir als Leben kennen, ist Beziehung, ist Aufeinander-Bezogen-Sein. Die Frage lautet nur: Wie bewusst ist uns das? Im Mikrokosmos der Atome, im Makrokosmos unserer Galaxis und unseres Universums, bei uns Menschen, der Erde, in dieser Welt, überall gilt dieses In-Beziehung-Sein. Auch Diesseits und Jenseits stehen in enger Beziehung. Und alles ist eine Spiegelung des Absoluten. Letztlich existiert ein Organismus. Die meisten Bestandteile dieses Alles folgen in ihrer wechselseitigen Bezogenheit der natürlichen Ordnung. Auf unserem Planeten ist einzig der Mensch in der Lage, diese natürliche Ordnung zu beeinflussen und sich ihr zu widersetzen. Für uns Menschen ist es mittlerweile von existenzieller Bedeutung, wieder in die natürliche Ordnung zu finden. Denn wenn alles miteinander verbunden ist, hat alles am Schicksal aller Anteil. Paulus drückt das so aus: ‚Denn die ganze Schöpfung wartet sehnsüchtig auf das Offenbarwerden der Kinder Gottes’.1) Der erwachte Mensch, das Kind Gottes, lebt in der natürlichen Ordnung und erschafft kein Leiden mehr, weder bei sich noch bei seiner Mitschöpfung. Diese Zusammenhänge treffen auch auf unsere Mann-Frau-Beziehungen zu.
In der natürlichen Ordnung gibt es kein Ich getrennt vom Du. Die Trennung in ‚Ich’ und ‚Nicht-Ich’ ist eine Eigenheit unserer Persönlichkeit mit ihrer ichbezogenen Sichtweise. ‚Ich’ und ‚Nicht-Ich’ sind Folgen eines fiktiven Standpunktes, der in der Realität des Absoluten so nicht existiert. Indem wir aus der natürlichen Ordnung fallen, ermöglicht uns dieser Standpunkt, eben diese alles umfassende Ordnung zu erkennen. Das Fallen aus der natürlichen Ordnung ist schmerzhaft, und der Schmerz animiert uns, wieder in die ursprüngliche Ordnung zurückkehren zu wollen, uns wieder einfügen zu lassen. Jahrtausendelang währte der Prozess unseres Hinausfallens; gegenwärtig sind die Chancen des Sich-Einfügen-Lassens so groß wie nie zuvor.
|
 Sinn und Zweck unserer ExistenzWelchen Sinn und Zweck hat das alles – unser Erdenleben, wiederholte Inkarnationen, Diesseits-Jenseits, Erwachen, Selbstrealisation? Der ‚Repräsentant der unnatürlichen Ordnung’, unser Verstand, würde das gerne wissen. Eine Antwort, die der Verstandes-Ebene entspricht, also auch ein Konzept, eine Vorstellung darstellt, ist folgende: Die höchste Essenz unserer menschlichen Existenz, das Absolute, ist zwar potenziell alles in allem, allwissend, alle Möglichkeiten beinhaltend, jedoch sich selbst ein Geheimnis. Um sich selbst zu erforschen, zu erfahren und kennen zu lernen, braucht es einen Spiegel, der es reflektiert. Sinn und Zweck der gesamten Schöpfung ist es, einzig dem Ziel zu dienen, der höchsten Essenz, dem Absoluten, das Geheimnis ihrer selbst bewusst werden zu lassen. Dazu existieren alle uns schon bekannten wie unbekannten Welten und Universen im Dies- und Jenseits, alles Leben mit verkörpern und entkörpern, auch alles menschliche Bemühen, dem Innersten seiner selbst und der Mitschöpfung auf die Spur zu kommen.
Die weit reichende und umwälzende Konsequenz dieser Erkenntnis ist, dass der Lebensraum der Persönlichkeit, also das gesamte Bewusstseinsfeld (s. Lichtfokus 13, S. 45), zwar ‚lediglich’ eine Spiegelung ist und keinerlei Realität gegenüber dem Absoluten besitzt, und dennoch ‚wie eine Blase in dieser Totalität schwimmt’, von ihr durchdrungen ist. Jegliches Energiequant in diesem Bewusstseinsfeld ist das Absolute. Jeder Bestandteil eines Heiligen ist letztlich das Absolute, ebenso wie jegliches Atom eines faulen Apfels es ist. Was uns daran hindert, dies zu erfahren, ist der dünne Schleier der Formen, der Zeit und unserer trennenden Bezeichnungen, den wir dem Absoluten überstülpen. Unter diesem Gespinst ist die Vollkommenheit in allem spürbar, im Gesang eines Vogels, der Schönheit einer Blume, dem Leuchten der Sonne, dem Zerfall eines modernden Baumes.
Du und ich, wir alle sind diese eine, absolute Vollkommenheit. Unser Konzept sagt: Diese eine absolute Vollkommenheit hat sich einen Traum erschaffen, in dem sie als Vieles auftaucht, ohne gewahr zu sein, dass sie all dieses Viele ist. Jetzt sucht sie, sich ihrer selbst mittels der vielen Gegenüber bewusst zu werden und sich zu erkennen, sich selbst zu finden. Das ist das ‚Drama’ unseres Daseins im Bewusstseinsfeld als Seele und Mensch und zugleich seine Schönheit. Wir sind das EINE, glauben getrennt zu sein von dem, was wir sind und suchen uns zu finden. Der Sucher ist das Objekt seiner Suche selbst! Wir können beim ‚Anderen’ nur das erkennen, was wir bei uns selbst schon entdeckt haben. Erst, wenn wir uns selbst als das EINE entdeckt haben, sind wir uns gewahr, dass es das Andere nicht gibt, dass das Andere auch das EINE ist, welches wir selbst sind. Das nennen wir erwacht sein. Nur um dieses Erwachen geht es im ganzen Spiel des Bewusstseinsfeldes, im gesamten Dasein des Dies- und Jenseits.
Eine ganz besonders interessante und tief greifende Variante dieses Erwachen-Spiels stellt die Beziehung von Frau und Mann dar. Hier sucht das sich selbst vergessen habende EINE, identifiziert mit dem Ego des Mannes, unbewusst sich selbst in einem sich selbst vergessen habenden EINEN, das mit dem Ego der Frau identifiziert ist – und umgekehrt.
Sowohl in unserem menschlichen Leben im Diesseits als auch in unserem seelischen Dasein im Jenseits treibt das Vergessenhaben, dass wir das EINE sind, die unbewusste Suche nach uns selbst an. Zugleich löst diese Tatsache einen Urschmerz aus, der durch nichts anderes zu stillen ist als die Wiederentdeckung unserer selbst als das EINE. Diesen Urschmerz bewusst zu fühlen, versuchen wir mit allen Mitteln zu vermeiden. Wir überdecken ihn mit anderen, ‚unguten’ Gefühlen wie Angst, Wut, Hass, Trauer und diese Gefühle wiederum mit vielen, vielen Gedanken.
|
Abhängige und erwachte BeziehungEine zunächst als wunderschön erlebte Variante dieser Vermeidungshaltung des Egos ist das Verliebtsein. Hinter dem ‚Ich liebe dich!’ steht unbewusst: ‚Ich will dich haben. Allein fehlt mir etwas. Ich will den Schmerz meiner ungestillten Sehnsucht nach dem EINEN nicht fühlen. Deshalb will ich verliebt sein. Hilf mir, meinen Mangel mit Verliebtheit zu überdecken.’ Die Erwartung, der andere sollte mir meinen Urschmerz nehmen, stellt die größtmögliche Überforderung des Partners dar. So ist es nur eine Frage der Zeit, wann diese Beziehung auf der Egoebene vom Verliebtsein in das Gegenteil, in Enttäuschung mit ihren Folgegefühlen umschlägt. Solange die Egoebene nicht verlassen wird, kann eine Beziehung letztlich nur zwischen den Polaritäten von: ‚Ich will dich haben!’ und ‚Bleib mir vom Leibe, du hast mich enttäuscht!’ hin und her pendeln. Die Wechselbäder der Egobeziehung lassen uns jedoch zunehmend bewusster werden und führen zu der Erkenntnis, dass die Beziehung zu unserem Partner nur so tief, so würde- und liebevoll, nur so bewusst sein kann, wie die Beziehung mit uns selbst ist. An diesem Punkt angekommen, können wir die Projektionen auf den Partner und die Erwartungen an ihn zurücknehmen, unsere Partnerbeziehung als Entsprechung der Beziehung zu uns selbst erkennen und unseren Teil der Verantwortung für ihr augenblickliches Sosein übernehmen. Das kann der Wendepunkt sein, der uns aus der Egobeziehung, in der wir den anderen brauchen, gebrauchen und missbrauchen, in eine erwachende Beziehung zu unserem Partner führen kann, in der wir uns der Beziehung mit dem Anderen hingeben, uns ihr schenken, in der wir nicht Liebe erwarten, sondern Liebe geben und durch unser bedingungsloses Geben natürlich auch erhalten. Diese Liebe strahlt so hell, dass sie uns unsere eigenen Schattenseiten ins Bewusstsein hebt, die wir als die Unseren anerkennen und lösen.
Vielleicht sitzen wir uns dann eines Tages in einem Restaurant gegenüber und erleben ‚Zweieinheit’. Während mein Körper auf diesem Stuhl sitzt, meine Augen den Körper des Partners auf seinem Stuhl sitzend wahrnehmen, fühle, erlebe ich, dass wir in Wirklichkeit nicht zwei getrennte Wesen, sondern Eins sind. Ich unterhalte mich mit mir selbst, ich sitze mir selbst gegenüber, ich schaue mir in meine Augen, ich lächle mich verwundert an. Zwei ‚Wirklichkeiten’ werden parallel wahrgenommen: Eine vorgestellte Realität – zwei Körper – und dahinter die absolute Realität – das erlebte Einssein.
Wie können wir aus einer egogeprägten Beziehung zu einer erwachten Partnerschaft gelangen? Indem wir in uns einen Raum entstehen lassen, in den wirkliche Liebe und Gnade einfließen können! Eine erfüllte Beziehung ist eine erwachte Beziehung. Was wir selbst dazu tun können, ist Thema des Folgenden.
|
 Unser HerzEin Materialist könnte den Menschen als einen stofflichen Zellhaufen mit gewissenhafter Ordnung und Struktur bezeichnen. Ein feinstofflich orientierter Betrachter könnte sagen, der Mensch sei ein feinstoffliches Lichtgebilde – eine Seele – in einem materiellen Kleid. Aus der absoluten, überpersönlichen Sphäre der Totalität könnten wir sagen, dass der Mensch das Sein an sich ist, das sich in einen fein- und grobstofflichen Körper, in die Persönlichkeit, begeben hat.
Entsprechend verhält es sich mit unserem Herzen. Wir kennen den physischen Teil des Herzens, der das Blut durch die Adern des Körpers pumpt. Dieser Anteil versorgt den Körper, er ist ich-zentriert, für das Du, von dem er getrennt ist, kann er nicht sorgen. Damit verbunden existiert ein feinstofflich energetischer, seelischer Herz-Anteil, der denkt, fühlt und kommuniziert. Er steht in Verbindung mit dem Gedächtnis der Körperzellen und spielt eine tragende Rolle beim Zugriff auf deren Erinnerung. Dieser Anteil reagiert unmittelbar auf unsere Umwelt (Er weiß, wann ein Ort, ein Mensch, eine Situation für uns gut oder schlecht ist.). Er hat seine eigene Weisheit, die sich vom Wissen des rationalen Gehirns unterscheidet, und er sendet Botschaften aus. Er steht mit allen Herzen in Verbindung – sowohl den Herzen der hier Lebenden, als auch mit denen der jenseits Existierenden – und tauscht Informationen mit anderen Herzen und Gehirnen aus. Er ist mehr am ‚wir’ als am ‚ich’ interessiert, und das Sein ist ihm wichtiger als das Tun. Dieser Teil ist ein Regulator für alle Energiezentren (Chakren) und eine primäre Verbindungsstation, die als Mittler zwischen den niederen physischen und den höheren Energieebenen dient.
Das Herz ist das machtvollste ‚Organ’, die wichtigste ordnende Kraft, das eigentliche Zentrum unseres Menschseins. Es ist der Dreh- und Angelpunkt unserer gesamten dies- und jenseitigen Entwicklung. Wenn wir im Weiteren vom Herzen, von Herzöffnung, einem verschlossenen, verhärteten, liebevollen, verletzten Herzen und so weiter sprechen, betrifft das den energetischen, feinstofflichen, seelischen Herz-Anteil, der vom ‚Wir’ durchdrungen ist.
Der Zustand dieses seelischen Herzanteils wirkt sich sowohl auf den Seelenzustand des Menschen aus, als auch auf das materielle Herz und den Körper, also auf seine gesamte Befindlichkeit.
|
Das DenkenWir gehen davon aus, dass es Gedankenkräfte sind, die unser Leben in überwiegendem Maße bestimmen. Ganze Lehrgebäude geistiger Schulen bauen auf dieser Erkenntnis auf. Gedankenkontrolle, Gedankenleere sind Schlüsselbegriffe der Geistesschulung. Lebensgestaltung durch die Lenkung von Gedankenkräften ist ein mühsamer und langer Weg, der viel Willensdisziplin, Kraft und Ausdauer erfordert und immer nur von wenigen Menschen beschritten worden ist.
In unserem Bewusstsein können wir Gedanken wahrnehmen, die von selbst auftauchen, ohne dass wir sie gerufen, bestellt oder erbeten hätten. Häufig sind wir von ihnen nicht angetan, weil sie unserem idealen Selbstbild widersprechen. Jeder hat seine eigene Art, wie er mit ihnen umgeht. Gemeinsam ist den meisten Umgangsformen die Ablehnung, mit der wir ihnen begegnen. Haben wir eine Technik zur Verfügung, versuchen wir vielleicht, diese ‚abtrünnigen’ Gedanken umzuwandeln in Bewusstseinsinhalte, von denen wir glauben, dass sie unsere Entwicklung und unseren Erfolg im Leben fördern. Unsere Realität wird jedoch weniger von den Gedanken geprägt, die wir zu denken versuchen, als durch jene, die wir in Wahrheit denken – und das sind die, die uns ungefragt besuchen.
Unser unwillkürliches Denken ist unsere eigentliche Wahrheit. Es ist Ausdruck einer Befindlichkeit in unserem Herzen. Wollen wir die Wahrheit über uns selbst als Persönlichkeit erfahren, führt kein Weg daran vorbei, diesen ‚ungebetenen Gästen’ unsere Aufmerksamkeit zu widmen. Zum Beispiel weisen kalte, trennende, abweisende, urteilende Gedanken auf ein verschlossenes Herz hin und lebendige, wärmende, mitfühlende Gedanken auf ein offenes Herz. Welche Beziehung ziehen wir vor, die zu einem coolen Typen oder die zu einem warmherzigen Menschen?
In unserer westlichen Zivilisation haben wir das Zentrum des Lebens, unser Herz, verlassen. Wir sind aus dem Herzen an den Rand des Lebens, in den Kopf, gerutscht. Anstatt aus der Quelle die ganze Fülle des Lebens zu schöpfen, vegetieren wir in unbeschreiblicher Einseitigkeit, Beschränkung und Blindheit dahin. Der Verlust unseres Lebensmittelpunktes hat unsere gesamte Existenz völlig aus dem Gleichgewicht gebracht. Das spiegelt sich in allen Bereichen unseres Lebens wider: Mc Donald anstelle von Vollwertnahrung, Allopathie anstelle von Ganzheitsmedizin, Umweltzerstörung anstelle von mitfühlender Fürsorge, Wissens- und Verhaltenstraining anstelle von Herzöffnung und Herzerkenntnis und vieles mehr.
Der Weg unserer Entfaltung kann nicht über die intellektuelle Willensanstrengung zur Disziplinierung unseres Denkens führen. Der natürliche und einzig wirksame Weg führt über die Öffnung unseres Herzens. Damit verändert sich auch unser Denken im Kopf automatisch und mühelos. Mit kontrollierendem Willen, angestrengtem Bemühen und herzlosem Denken können wir keines unserer Probleme lösen. Wie die Praxis zeigt, eskalieren sie auf diese Weise. Öffnen wir hingegen unser Herz und lassen die Qualitäten des Herzens in unsere Seele fließen, dann entspringen unsere Gedanken und Gefühle dieser Herz-Qualität. Gedanken und Gefühle dieser Art gestalten und nähren unser Leben und unsere Umwelt dann mit der Kraft der Liebe.
Anstatt in unserem Kopf einen Kampf mit Gedanken gegen Gedanken zu führen, können wir auf andere Weise zu weitaus mehr Effizienz gelangen: Wir beobachten immer wieder, mit welchen Themen sich unsere Gedanken befassen und in welcher Art sie dies tun. Haben wir auf diese Weise ein Thema dingfest gemacht, geht es darum, ihnen auf den Grund zu gehen und die Gefühle, die sich in ihnen zeigen, zu erspüren. Im nächsten Schritt heißt es dann, der Wahrheit des Herzens gewahr zu werden, die all diesen Gedanken und Gefühlen zugrunde liegt. Diese wird sich schließlich in einem Wunsch ausdrücken. Fühlen wir jetzt noch tiefer in unser Herz hinein, können wir schlussendlich die innere Realität dieses Wunsches entdecken, sozusagen den Wunsch hinter dem Wunsch und die eigentliche Sehnsucht erspüren. Bei der Umsetzung dieser Herzenssehnsucht in schöpferisches Handeln kann uns unsere geistige Führung oder können uns unsere Engel helfen.2)
Wie wir von wiederkehrenden Gedanken zu der ihnen zugrunde liegenden Herzenssehnsucht gelangen können, sei an zwei Beispielen gezeigt. (Da mit Denken hier nichts zu erreichen ist, möge der Leser bitte mitfühlen):
Wiederkehrende Gedanken sind: Ich bin in letzter Zeit unkonzentriert, unruhig und körperlich nicht richtig fit. Was ist da los?
Ihre Art und Weise ist: Etwas beschämt, verdeckt, nicht einverstanden.
Zugrunde liegende Gefühle sind: Besorgnis, (nicht genügend leistungsfähig zu sein/zu bleiben); Widerstand (dagegen, ungenügend zu sein); Angst, (abgehängt zu werden).
Herzenswahrheit lautet: Mithalten können; gleichwertig sein.
Herzenssehnsucht ist: Ich möchte meinen Beitrag zum Gedeihen dieser Erde und zum Wohl aller Lebewesen erbringen.
Anruf an geistige Führung / Engel: Bitte gestaltet und organisiert, dass durch mich dieser Erde und ihren Wesen Wohl und Gedeihen zuströmt!
Wiederkehrende Gedanken sind: Früher war sie/er aufmerksamer; ich bedeute ihr/ihm nicht mehr so viel; was mache ich falsch? Wie kann ich sie/ihn wieder für mich interessieren?
Ihre Art und Weise ist: penetrant, bohrend, beunruhigend.
Zugrunde liegende Gefühle sind: Trauer und Unruhe und Schuld (dass etwas verloren gegangen ist), Widerstand (gegen die Realität, wie ich sie wahrnehme).
Herzenswahrheit lautet: Ich will geliebt werden!
Herzenssehnsucht ist: Ich möchte frei sein und bedingungslos lieben.
Anruf an geistige Führung / Engel: Bitte unterstützt mich darin, frei zu sein und bedingungslos zu lieben!
Bei dieser inneren Arbeit gebrauchen wir keine Logik, wir müssen uns nichts überlegen oder ausdenken; diese Schritte sind nicht für den Verstand konzipiert. Wir entdecken unsere Herzenssehnsucht durch fühlende Wahrnehmung, durch Erspüren dessen, was schon da ist in uns.
Begegnen wir unseren Gedanken gelassen, wohlwollend und frei von Wertungen, werden sich mit der Zeit alle in uns existierenden Gedankenschattierungen zeigen, auch die bis dahin lichtscheuen. So erhalten wir tiefe Einblicke in uns selbst und können mit unserem Denken konstruktiv und schöpferisch umgehen. Wir halten unser Herz weit offen für die Wahrheit des gegenwärtigen Augenblicks, um sie mit unserer ganzen Existenz zu berühren und uns von ihr berühren zu lassen. Wir müssen nichts tun, wir lassen geschehen. In der Tiefe unseres Herzens ruhend heißen wir alles willkommen, wir sind alles einschließend, alles verstehend und alles mitfühlend. Und obwohl uns alles berührt, kann uns in der Tiefe unseres Herzens nichts verletzen.
|
UrwünscheDer Kern unserer Existenz ist das Unnennbare, das im Innern unseres Herzens ruht. In der Tiefe unseres Herzens schlummern Urwünsche, die aus diesem Absoluten geboren sind. Sie entspringen dem einen Leben, das nicht nur alles umschließt, sondern alles ist. Wir könnten sagen, diese Urwünsche sind Ausdruck der universellen Liebe und beinhalten daher das optimale Gedeihen für alles, was ist. Diese Urwünsche sind schon da, wir müssen – und können – sie nicht konstruieren, wir brauchen sie nur zu entdecken.
Während der viele Jahrtausende währenden Entwicklung unseres feinstofflichen Körpers, die sich sowohl im Jenseits als auch im Menschen im Diesseits vollzogen hat, entstanden in der Seele sich immer stärker ausprägende Ich-Kräfte. Dieser Abwehrmechanismus überdeckte zunehmend das Absolute, das wir im Kern unserer Existenz sind (Lichtfokus 14, S. 31), und damit auch die im Herzen schlummernden Urwünsche. Es klingt paradox: Unter unserer Angst um die eigene Existenz liegt der Urwunsch des Absoluten, das Wohl von allem zu realisieren. Unter dieser Angst liegt auch das Potenzial, diesen Urwunsch zu verwirklichen. In der gegenwärtigen, gnadenreichen Zeit des inneren Umbruchs können wir uns immer weiter durch die ich-haften Schichten hindurchfühlen und zu den elementaren Urwünschen unserer Existenz vorstoßen. Damit öffnen wir den Kontakt zu der Kraft, die diese Urwünsche für das Wohl aller in und durch uns realisieren kann.
Erwachen des Herzens
In unserem feinstofflichen Lichtkörper, der Seele, existieren Paradies und Fegefeuer, Himmel und Hölle, Licht und Schatten. Aus unserem praktischen Alltag kennen wir, wie sich die Inhalte dieser Begriffe anfühlen und dass sie Reaktionen bis in den Körper hervorrufen können. Unsere seelischen Schattenanteile können sich in mannigfaltigen Problemen, Konflikten und Emotionen wie Angst, Wut, Trauer, Verzweiflung mit ihren körperlichen Folgen wie Verspannungen, Verletzungen und Krankheiten zeigen. Um all das zu lösen, gibt es leicht praktizierbare Schritte. Sie führen zugleich zu tiefem Verstehen für Sinn und Möglichkeiten unserer irdischen Existenz, leiten uns ins wirkliche Fühlen und bewirken zugleich wachsende Herzöffnung.
Unser Herz kann letztlich alles(!), was uns belastet, direkt in Bedingungslosigkeit, in Liebe umwandeln. Diesen Prozess kann die Persönlichkeit nicht erklären und nicht beeinflussen. Alles kann in das gewandelt werden, was das Herz selbst ist, Liebe. Wir können mit dieser Arbeit sofort beginnen. Dadurch öffnet sich unsere Herzenstür weiter und weiter. Das befreit uns zunehmend aus der verhängnisvollen Verhaftung und Identifikation mit unserem kleinen Ich.
Wenn wir genau hinschauen, können wir erkennen, dass nicht die Tatsachen im Leben an sich es sind, die uns Schwierigkeiten bereiten, sondern dass es die durch sie ausgelösten Gefühle und Emotionen sind, die wir scheuen und nicht erleben wollen. So bewerten wir schon die Auslöser – Menschen und Situationen – im Vorfeld des Erlebens als falsch, schlecht und böse und lehnen sie ab, weil sie in uns Erfahrungen wachrufen, vor denen wir Angst haben. Was fürchten wir, wenn uns der Partner verlässt? Letztlich nicht, dass wir auf uns allein gestellt sind, sondern wir haben Angst vor dem Schmerz des Verlassen- und Einsamseins. Denn er rührt an unseren Urschmerz, vom EINEN getrennt zu sein. Weil wir keinen anderen Umgang gelernt haben, sind wir geneigt, dieses Gefühl, das ein Teil von uns ist, abzuspalten und in die Verbannung zu schicken. ‚Ich mag dich nicht! Du belastest mich! Mit dir geht es mir schlecht! Ich halte dich nicht aus! Du darfst nicht sein’ Mit diesen Bewertungen, mit dieser Ablehnung, diesem Widerstand gegenüber einem Teil von uns selbst vertreiben wir uns aus dem ‚Ort der Liebe’, aus unserem Herzen. Indem wir diesem Teil von uns die Liebe und das mitfühlende Verstehen versagen, stürzen wir uns selbst in den Zustand des Ungeliebtseins. Wer kann uns aus diesem Schattendasein befreien, wenn nicht wir selbst? Solange wir uns selbst die Liebe vorenthalten, können wir sie nicht erfahren. Nicht einmal die Liebe eines anderen Menschen kann uns erreichen und berühren, wenn wir sie uns selbst nicht wert sind, wenn wir uns selbst ablehnen.
Authentizität
Eine Empfehlung von hoher spiritueller Ebene an uns lautet in diesem Zusammenhang3): ‚Erlebe, was du erlebst! Erlebe es ganz von innen, ohne Ablenkung durch andere Gedanken und Vorstellungen. Erlebe es als Beobachter, der mit seinem ganzen Wesen wahrnimmt. Fühle, was du fühlst! Fühle alles rückhaltlos, ohne auszuweichen oder abzuwehren. Öffne dein Herz, so weit du kannst! Öffne es allem, was dir begegnet. Bei allem geht es ausschließlich nur um Bewusstheit. Dazu bedarf es nicht der Anstrengung, nicht der Arbeit, nicht der Mühe, nicht deiner Fantasie, nicht der Bildung deines Verstandes. Es bedarf ausschließlich der Bewusstheit, da du schon alles bist, was du werden könntest.’
In unserem Hasten im Alltag nach den Zielen der Persönlichkeitswelt ist uns häufig nicht bewusst, wer wir sind, was uns begegnet und worin wir uns bewegen. Alles, was uns im Bewusstseinsfeld – in der Welt der Persönlichkeit – begegnet, ist Spiegelung des Absoluten. Es gibt nichts Anderes. Wenn uns das Absolute heilig ist, dann ist alles heilig, auch alle alltäglich erscheinenden Spiegelungen der Totalität, ob es Schmerz oder Ekstase sind, Trauer oder Begeisterung, unser Haus, unser Partner, die Natur oder das Weltall. Wir erfahren dies alles nur dann wirklich in seiner ganzen Wirkung, das heißt, sie können nur dann in vollem Umfang ihre Entwicklungsaufgabe an uns vollziehen, wenn wir uns von ihnen im Herzen berühren lassen. Und wenn unser Herz offen ist, durchschauen wir auch die Spiegelungen und entdecken schließlich dahinter das Absolute. Im offenen Herzen empfängt das Absolute seine eigene Spiegelung, durchschaut sie und erkennt sich selbst. So erwachen wir zu uns selbst.
Mit den folgenden Schritten der körperzentrierten Herzensarbeit4) können wir unser Herz öffnen lassen und weiten, unsere seelischen Schattenanteile und deren Folgen in uns umwandeln lassen, unsere Fähigkeiten zu fühlen intensivieren lassen und zu immer tieferem Verstehen für unsere Existenz gelangen:
1. Einstieg: Denke mit geschlossenen Augen an ein konkretes Ereignis, in dem sich dein Problem manifestiert hat. Rufe das Thema in deinem Bewusstsein wach.
2. Körperwahrnehmung: Spüre deinen Atem und nimm deinen Körper wahr. Wie reagiert er auf diese Bilder/Gedanken? Wo tut sich was (Verspannung, Schmerz, Stechen, ...)? Lenke deine Aufmerksamkeit auf die Besonderheit. Spüre und atme in diesen Körperbereich, und lerne diesen Zustand von innen her kennen. Atmen, spüren, dort präsent sein. Ihn bewusst erleben.
3. Emotion/Gefühl: Während du bewusst weiter atmest, frage dich: Wie fühle ich mich hier drinnen (in dem entsprechenden Körperbereich)? Spüren, atmen, die Emotion / das Gefühl wahrnehmen. Benenne es (ohne darüber nachzudenken), und lasse es zu. Kannst du zulassen, dich so zu fühlen, wie sich dieser Teil von dir fühlt? Atmen, zulassen, ihm Aufmerksamkeit schenken.
4. Herz: Während du mit der Emotion / dem Gefühl in Kontakt bleibst, fragst du, was dieser Teil von dir von deinem Herzen braucht, um sich angenommen und erlöst zu fühlen. Ist es (hilfreiche Schlüsselbegriffe durchprobieren) Anerkennung, Erlaubnis, Mitgefühl, Erbarmen, Verständnis, Achtung? Oder auf welche andere Weise kannst du dein Herz dieser Emotion / diesem Gefühl öffnen? Verweile dann, so lange du magst, in dem Kontakt deines Herzens mit diesem Teil deines Wesens, den du nun nach Hause gebracht hast.
5. Abschluss: Präge dir ein, welche Emotionen / Gefühle du entdeckt hast und was sie von dir brauchten. Bleibe eine Weile im Herzen gesammelt still sitzen, dann öffne deine Augen.
6. Nachsorge: Notiere eine Bezeichnung, die dir hilft, dich an die Emotion / das Gefühl zu erinnern (zum Beispiel ‚Angst vor Gewalt’, ‚Wut wegen Unterdrückung’, ‚Gefühl, abgelehnt zu werden’). Kümmere dich in den nächsten Tagen immer wieder um diese Emotion / das Gefühl.
Die Inhalte unseres Bewusstseins bestimmen nicht unser Leben, sie sind unser Leben. Solange wir nicht durch ihre Beobachtung entidentifiziert sind, wir sie nicht auflösen oder als das durchschauen, was sie sind – Spiegelungen, verdecken sie das, was wir sind, das Absolute. Wenn Unzufriedenheit in uns ist, wird sie uns so lange bewusst oder unbewusst mitbestimmen, bis wir uns ihrer annehmen. Dann erst wird sie uns nicht mehr beherrschen können. Die aufgeführten sechs Punkte bieten eine hervorragende Möglichkeit, einen Raum zu öffnen, in den Liebe und Gnade einfließen können, als Geburtshelfer des Erwachens.
Partnerschaft
Qualität und Erfüllung einer Partnerschaft hängen unmittelbar vom Bewusstsein der Partner ab. Deshalb nimmt der Weg zur Selbsterkenntnis und Selbstliebe hier auch einen breiten Raum ein. Qualität und Erfüllung hängen davon ab, wie weit jeder sich seiner selbst bewusst ist und wie er mit sich selbst umgehen kann; dann davon, wie weit bewusst ist, dass der höchste Sinn einer Partnerschaft die Entdeckung seiner selbst und des Partners als das Absolute ist; weiter, dass der Partner immer nur Auslöser, niemals Ursache ist und schließlich, dass ihm für alles innigster Dank für seine Entwicklungshilfe gebührt.
In jeder Persönlichkeit, die im Bewusstseinsfeld mit seinen Universen lebt, erfährt sich das Absolute selbst, entdeckt es sich zunehmend selbst, wird sich seiner selbst bewusst, erwacht es zu sich selbst. Dies ist nichts, das von irgendeiner Persönlichkeit gewollt oder inszeniert werden könnte. Das Erwachen wird am stärksten begünstigt, wenn sich das Herz frei ausdrücken darf und in seinem Streben nicht behindert wird. Dann lebt der Mensch in seiner Wahrheit. Die innerste Realität des Herzens ist Liebe. Sie wird befreit, indem wir die jeweils stimmige Wahrheit unseres Herzens leben. Diese Wahrheit wird nicht immer der selbstlose Dienst am Nächsten sein, sondern sie kann zu ihrer Zeit auch darin bestehen, nach weltlichen Gütern zu streben, sich um sich selbst zu kümmern oder anderen Menschen Grenzen zu setzen, wenn sie in unseren Lebensraum oder den unserer Mitmenschen einzudringen versuchen.
Aus der Perspektive eines Erwachten sieht das so aus: ‚Wenn man verstanden hat, dass das Selbst, das Ich-Bin, das Bewusstsein – Was-wir-in-Wirklichkeit-sind – sowohl Handelnder als auch Beobachter ist, dann wird man auch erkennen, dass es nicht nur überflüssig ist, unsere täglichen Aktivitäten aufzugeben, sondern dass es im Gegenteil erstrebenswert ist, unser normales Leben weiterzuführen. Wir machen weiter in dem tiefstmöglichen Verstehen, dass wir (als phänomenale Objekte) innerhalb der Totalität des Ablaufs der Manifestation ‚gelebt werden’. Die angebliche Handlungsfreiheit des ‚Ich’ ist nichts weiter als eine Illusion. Die ganz normalen Aktivitäten ohne das Gefühl der Täterschaft sind die besten Voraussetzungen, um die plötzliche Erleuchtung geschehen zu lassen.5)
In der Wahrheit können wir nur im Jetzt leben. Leben wir im Jetzt, sind wir eins mit dem Leben. Doch nicht wir leben unser Leben, sondern das Leben lebt uns. Während wir glauben, wir gestalten unser Leben, ist es das Leben, das uns gestaltet. ‚Das Leben ist der Tänzer, und du bist der Tanz’ (E. Tolle). Es stimmt schon, dass wir schöpferisch sind, doch ist es das Leben, das sich in uns als ‚ich’ gestaltet durch das, was wir unsere schöpferischen Impulse nennen.
Leben ist In-Beziehung-Sein. Nur so, wie wir mit uns in Beziehung sind, können wir mit unserem Partner in Beziehung sein. Sind wir mit uns ehrlich, werden wir mit unserem Partner ehrlich sein. Können wir unsere Schattenseiten lieben, werden wir auch den Schattenseiten unseres Partners mit Liebe begegnen. Vielleicht wollten wir unsere Partnerschaft auf ganz besondere Weise gestalten und wir bemerken, dass weniger wir unsere Beziehung gestalten, als dass sie jeden von uns gestaltet. Beziehung ist, immer wieder neu in Beziehung zu treten, denn Leben ist Veränderung.
Beziehung ist demnach weniger Realisierung eigener oder gemeinsamer Vorstellungen und Ideale als vielmehr ein Wahrnehmen und bereitwilliges Folgen feiner Strömungen des Lebens. Ein Beachten und Achten des gegenwärtigen Lebensflusses. Es ist die Einstimmung auf etwas Tieferes als die persönlichen Neigungen, Vorstellungen und gemeinsamen Ziele. Nötig ist die Wahrnehmung und das Einschwingen auf den grundlegenden Ton und Rhythmus, auf die Absicht des Lebens selbst, die es in der Beziehung zum Ausdruck bringen will. Es ist ein stetiges und immer wieder neues Sich-einstimmen auf das eigene Innere, um die Bewegungen des Lebens zu erspüren und sich ihnen hinzugeben.
Wie im Leben als Single wird es auch in der Beziehung mit einem Partner mit zunehmender Bewusstheit immer weiter in die Richtung gehen, sich dem Leben anzuvertrauen und zu bejahen was ist, anstatt zu versuchen, es nach eigenen Konzepten in eine vorgegebene Richtung zu dirigieren. Das mag befremdlich oder gar gefährlich klingen für unsere coole, mit dem Ego-Intellekt identifizierte Gesellschaft. Es riecht danach, sich verantwortungslos treiben lassen. Doch das ist es nicht. Es ist das Sich-anvertrauen einer unvergleichlich höheren Intelligenz, ein Sich-einfügen lassen in das, wie es das Leben meint. Das setzt fühlende Wahrnehmung für den ‚Puls des Lebens’ voraus und den Mut zum Risiko. Bis vor zwanzig Jahren glaubte man, Flussbegradigungen wären ein intelligenter und notwendiger Eingriff in die unbewusste Natur. Heute weiß man, dass es ein eklatanter Fehlgriff war, der das Sterben des Wassers, der Fische sowie Hochwasser zur Folge hat. Seitdem versucht man, wieder Mäander in Flussläufe einzubauen. Auch das Leben und damit eine Beziehung verläuft niemals linear, beides mäandert. Nur das Einspüren in den jeweiligen Strömungsverlauf kann uns in Einklang mit dem Leben bringen, so wie es sich meint. Voraussetzung dafür ist die Öffnung und Befreiung des Herzens. Das kann auch in einer Partnerschaft keiner für den anderen tun. Doch indem wir es mit uns selbst vollziehen, begünstigen und unterstützen wir das Gleiche beim Partner.
Jegliches Leben wie auch jede Liebesbeziehung hat ihren Ursprung in einem Traum des Absoluten. Er findet seine Erfüllung, indem er gelebt wird. Diese Erfüllung ist kein Akt der Persönlichkeit. Wenn wir die Sehnsucht unseres Herzens (siehe die Beispiele für den Umgang mit Gedanken) leben, geschieht Erfüllung von selbst. Die Kraft zur Erfüllung der Sehnsucht unseres Herzens steht im Herzen schon bereit. Folgen wir unserer Herzenssehnsucht, wird sie aktiviert, und mit jedem Schritt erleben wir ein Stück Erfüllung. Das können wir jedoch nur dann erfahren, wenn wir bereit sind, den Schmerz des Noch-nicht-erfüllt-Seins, der mit unserer Sehnsucht verbunden ist, zu fühlen. Wenn wir wie bisher unser Herz verschließen, um diese Sehnsucht und damit den Schmerz nicht zu fühlen, werden wir weiterhin von unserem blinden Intellekt in die Irre geführt anstatt vom Zentrum unseres Lebens, dem Herzen, zur Erfüllung unseres Daseins. Lebenserfüllung muss dabei nicht unbedingt nur in der Verwirklichung unserer romantischen Vorstellungen bestehen oder einem Happy End à la Hollywood entsprechen.
Wenn wir zulassen, dass Sehnsüchte unseres Herzens verschüttet oder begraben werden, bedeutet das weitere Verstrickung in Härte, Probleme, Krankheit und Leiden. Leben wir hingegen unsere augenblickliche Wahrheit und fühlen wir die Sehnsucht unseres Herzens, kann uns das von Krankheit und Leid befreien. Dass der Traum des Absoluten, der unser Leben ist, der wir sind, sich erfüllt, lässt sich höchstens – leidvoll – aufschieben, verhindern lässt es sich nicht.
Wenn wir bedingungslos allem, was in uns ist, unsere Aufmerksamkeit schenken und wir uns auch unserer Schattenseiten ausnahmslos erbarmen, indem wir auch sie mit allen Fasern fühlen (siehe körperzentrierte Herzensarbeit), können wir erfahren, dass Gefühle, die sich außerhalb des Herzens bekriegen, im Herzen miteinander wohnen können. Dort finden Bitterkeit und Sehnsucht ihren Platz, Entmutigung und Hoffnung, Resignation und Begeisterung.
Lieben heißt, uns selbst im Anderen zu erkennen. Jede Begegnung mit dem geliebten Menschen ist eine Begegnung mit uns selbst, allerdings in einem Gewand, das uns neu und fremd erscheinen mag. Dieses ‚Du-Selbst’ möchte von uns gesehen, entdeckt, erkannt, gewürdigt, geliebt und verherrlicht werden in unserer Liebe. Der oder die Geliebte verhilft uns dazu, die Schönheit unseres eigenen Herzens in unserer Liebe zu ihm zu entdecken.
Startbedingungen schaffen
In einer abhängigen Partnerschaft ist die Aufmerksamkeit der einen Persönlichkeit auf die andere Persönlichkeit fixiert. Das freut das jeweilige Ego, davon kann es – zunächst – gut leben. Anstelle von Ent-wicklung ist damit jedoch die Ver-wicklung einer symbiotischen Beziehung programmiert. In einer Beziehung, in der beide Partner bereit sind, in sich selbst und im anderen das EINE zu entdecken, wird der Einfluss der Persönlichkeiten und damit die Gefahr der Ver-wicklungen immer weiter reduziert und die innere Freiheit gestärkt. Aus ‚Ich brauche dich’ der abhängigen Beziehung wird ‚Ich liebe’ einer erwachten Beziehung. Wollen wir eine Gebrauchte/ein Gebrauchter oder eine Geliebte/ein Geliebter sein?
In einer erwachten Beziehung ist der und die Geliebte nicht der Partner und die Partnerin, sondern beider Geliebter ist das EINE, die Liebe selbst. Indem beide die Liebe lieben, schauen sie in die gleiche Richtung. Sie treffen sich im EINEN, in der Liebe und bleiben frei von Verwicklungen der Persönlichkeiten.
Es geht zunächst darum, uns selbst in die aussichtsreichste Startposition für eine beglückende, erfüllende Beziehung zu bringen. Dafür haben wir wesentliche Elemente kennen gelernt. Auch jeder Single kann sie nutzen, unabhängig davon, ob ihm der Sinn nach einer Partnerschaft steht oder nicht. Denn die Voraussetzungen für ein glückliches Leben allein sind dieselben wie die für ein glückliches Leben zu zweit oder in einer Gruppe. Es kann spannend und verbindend sein, diese Startbedingungen bewusst zu schaffen, während wir in einer abhängigen Beziehung leben. Dann überfordern wir einander nicht mit unerfüllbaren Erwartungen, die zu Enttäuschung und Leid führen.
Je tiefer wir erwachen, um so leichter geht alles Andere. Das Leben ist in der Lage, für sich selbst zu sorgen. Unser Egoverstand sieht das völlig anders, der ist überzeugt: ‚Wenn ich die Dinge nicht im Griff habe und alles kontrolliere, herrscht Chaos! Von Nichts kommt nichts!’ In einer erwachten Beziehung ist es nicht die Persönlichkeit des Partners, die uns beglückt, sondern das Erleben, dass er ebenso wie ich das EINE ist. Paradoxerweise, aber ganz natürlich und automatisch, stellt sich dann die Liebe zur persönlichen Ausdrucksweise des EINEN im Partner von selbst ein. Mit Erstaunen und beglückendem Entzücken nehmen wir jede Haarlocke, die Augenstellung, die Körperform, den Gang, die Sprechweise, seine ganz individuellen Ansichten und Wertungen, alles ach so Menschliche und Persönliche wahr.
Wer das erlebt, der glaubt, er sei verzaubert worden. Denn er bewundert auch liebend jene persönlichen Merkmale des Partners, die er früher nicht ausstehen konnte. Manchmal fragt er sich, wann er aus diesem Traum wohl zur bitteren Wahrheit erwachen und in welche Enttäuschung er dann stürzen wird. Rutscht er aus dem Mitgefühl, der fühlenden Wahrnehmung für sich, seinen Partner und seine Umwelt hinaus, erscheint ihm die Welt grauer und anstrengender. Merkt er das nicht selbst, darf ihm vielleicht sein Partner zu der Wahrnehmung verhelfen, dass er sich etwas in der alten Trance bewegt. Die Persönlichkeit räumt nie kampflos das Feld. Ganz subtil spüren wir Anklänge alter Bewertungen, Urteile, Vorlieben und Abneigungen. In diesen Situationen ist die Persönlichkeit unser ‚’Personal Trainer’, der jede Unaufmerksamkeit gnadenlos ausnutzt, um wieder ans Ruder zu kommen. Erkennen wir diesen Zusammenhang, können wir das Hinausfallen als Hilfe auf unserem Weg zum Erwachen erleben und annehmen und der Persönlichkeit für ihre Versuchungen aus unserem Herzen heraus danken.
Der ‚Traum’ der bedingungslosen Annahme, Hingabe und Liebe ist die einzig existierende Realität, ist die Realität des EINEN, des Absoluten. Was wir als Persönlichkeit für Realität gehalten haben, entpuppt sich als Einbildung, als Trance, als Traum. Diese einzige Realität ist völlig mühelos, ist total selbstversorgend. Jegliche Bemühung der Persönlichkeit würde sie nur stören. In der Beglückung des Jetzt gibt es nichts mehr zu tun, alles ist. Das ist nichts, was erreichbar wäre durch Arbeit, Mühen, Disziplinierung oder irgendwelche Methoden und Verfahren materieller, geistiger oder seelischer Art und Weise. Daran kann nichts verbessert oder optimiert werden. Es ist das, was schon immer war, immer ist und immer sein wird. Es ist nur möglich, es zu entdecken. Wir schauen mit den Augen der Liebe auf uns selbst, auf unseren Partner, in die Welt und entdecken, wie es wirklich ist. Der Schleier der Persönlichkeit, der alles verzerrte und entstellte, ist aufgelöst. Wir sind bewusst zu Hause.
Anmerkungen
1) Römer 8,19
2) Näheres bei Doreen Virtue Die Heilkraft der Engel
3) nach Safi Nidiaye Das Tao des Herzens, S. 128
4) nach Safi Nidiaye Herz öffnen statt Kopf zerbrechen, S. 93
5) Ramesh Balsekar ‚Wen kümmert’s’, S. 183
Literaturhinweis
Safi Nidiaye Die Schönheit der Liebe
|
| |
| Quellen und Verweise: |
Website des Autors |
| |
|