Druckansicht eines Zeitungsartikels zu
spiritualität
ausgewählt:
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| Autor: Daniel Jacobi |
| erschienen: 01.01.1999 |
| Herausgeber: Elraanis Verlag | | | Gurus, nein danke? |
Das Sanskritwort ‘guru’ könnte mit ‘gewichtig’, ‘wichtig’, ‘schwerwiegend’, ‘tiefgehend’ übersetzt werden. Ein Guru hat und lebt eine wichtige Botschaft und Funktion. Er oder sie weckt Hoffnungen, daß es möglich ist, den Weg zur Einheit zu finden.
Es hat sich ja mittlerweile herumgesprochen, daß jeder und jede die Wahrheit in sich selber hat und finden muß. Trotzdem hat die Nachfrage nach Gurus nicht nachgelassen. Sie hat wohl eher zugenommen, proportional zur spirituellen Verunsicherung unserer Zeit. Wo eine Nachfrage, da ein Angebot, aber beginnen wir am Anfang.
Die Begegnung mit meinem ersten und vielleicht wichtigsten Guru hatte ich, als ich gerade zwei Minuten alt war und gleich nach der Geburt meine Augen öffnete und in die Augen meiner Mutter schaute. Sie war alles für mich, bei ihr flossen Milch und Honig, sie war die lebensspendende Göttin. Mein Vater war mein unfehlbarer Guru-Gott bis etwa zu meinem sechsten Lebensjahr. Seit jenem Vorfall, bei dem ich den absoluten Glauben an ihn wegen einem Vertrauensbruch verlor, hat meine Reise zu dem vollkommenen Guru begonnen, jene Suche, welche im Außen beginnt und sich ellipsenförmig nach und nach immer mehr umdreht - wie zwei Parallelen, die sich im Unendlichen krümmen - bis zu der Erkenntnis, daß der Guru in mir ist.
Hare Krischna!
Meine erste Begegnung mit der faszinierenden Welt Indiens, hatte ich mit 15 Jahren. Es war eine Liebesaffäre, die etwa drei Monate dauerte. Nach einer ereignislosen und sterilen, liberalen, jüdischen Erziehung, war die bunte Welt der Hare Krischnas, welche ich, so oft es der Gymnasiumsalltag erlaubte, aufsuchte, wie eine Offenbarung.
Aha! Religion kann also auch so sein, nicht ein langweiliges Absolvieren unverständlicher Riten, sondern ein Singen, Tanzen und Betreten neuartiger Bewußtseinszustände. Die Bhajans hatten’s mir angetan, sowie das wunderbare Essen. Ich war nahe daran, mir die Haare scheren zu lassen und dem Orden beizutreten. Doch auf einer Zugreise quer durch Deutschland, fiel mir ein Buch von Hermann Hesse in die Hand, wo er schreibt: ”Das Bedürfnis des Menschen, zu einer Gruppe zu gehören, sei diese religiös oder politisch, und in ihr aufzugehen und seine Selbstverantwortung aufzugeben, ist letztlich immer zum Scheitern verurteilt.”
Den Satz konnte ich nicht mehr loswerden, er war wie ein Pfahl im Fleisch meines Gewissens. Ich begann, kritisch das Ganze zu betrachten; war es vielmehr der Schlafmangel, welcher mich in einen anderen Bewußtseinszustand brachte, und nicht die göttliche Schwingung der Bhajans? Bin ich von einer (langweiligen, jüdischen) Gehirnwäsche einfach zu einer anderen (farbigeren, hinduistischen) übergegangen?
Meine nächste Station auf dem Gurutrip sollte eine christliche sein, und damit wären wir beim
Lichtkreis Christi
Als ich mit 18 Jahren in Berlin den Film ‘Ghandi’ sah, war ich so begeistert, daß ich gelobte, mein Leben dem Dienst am Nächsten zu widmen. Meine Abmachung mit dem Universum vor dem Verlassen des Kinoraumes war, daß das erste Zeichen, was ich tun sollte, ein göttlicher Wink ist, den ich befolgen würde. Gleich nach dem Verlassen des Kinos, stieß ich auf eine Anzeigetafel des Lichtkreises Christi. Ich notierte mir die Adresse und ein paar Wochen später saß ich schon in der Versammlung des Lichtkreises in dem Saal eines teuren Hotels (meine studentischen Finanzen hatten sich bereits an Hare-Krischna-Maßstäbe gewöhnt). Hier hörte ich fasziniert den gechannelten Botschaften von Jesus und der Mutter Maria zu. Die ganze Gesellschaft Jesu hatte sich hier wieder inkarniert, Matthäus, Johannes,… und es wurde mir gesagt, daß, obwohl die wichtigsten Protagonisten bereits vergeben waren, sich in der Bibel schon noch ein Charakter finden würde, der auf mich paßt. Der Vorsteher des Lichtkreises, Harald Stößel, der den Posten des Petrus innehatte, schickte mir Botschaften von Jesus per Brief. Als ich einmal eine Sitzung verschlief, mußte ich persönlich bei ihm vorsprechen. Unter vielen Gnadenerweisen wurde mir meine Sünde für diesmal vergeben.
Was mich am meisten an den drei Wochenenden, an denen ich teilnahm, beeindruckte, war jenes Paar, das durch Petrus in einer spirituellen Hochzeit getraut wurde. Er schrieb seit Jahren glühende Gedichte an Maria mit der Bitte um eine Gattin, die nun endlich erhört wurde. Ich hatte jedoch noch nie ein Paar so lustlos nebeneinander hergehen sehen. Sie war bedeutend jünger und es war aus ihrer Körpersprache für mich klar, daß sie nicht von ihm berührt werden wollte. Petrus rechnete damit, daß bald eine große Sündflut kommt und die ganze bestehende Ordnung untergeht. Aus diesem Grunde braucht er für jedes Land einen Abgeordneten, der die Dinge im göttlichen Sinne übernehmen wird. Ich sollte daher die Lichtsäule für die Schweiz werden und Staatswissenschaft studieren. Doch so weit kam es nicht; die Welt ging nicht zu dem vorhergesagten Zeitpunkt unter und Philosophie interessierte mich weit mehr. Jenes Paar hatte mir die Augen geöffnet, daß hier etwas nicht stimmte. Nach der Lichtkreiserfahrung wurde ich vorsichtiger im Vergeben meines Vertrauens an andere. In der Zeit des Philosophiestudiums, hatte ich eine skeptisch-interessierte Haltung zu den praktizierenden Religionen. Die nächste wichtige Begegnung mit den Meistern hatte ich mit 29 Jahren.
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Im Warteraum eines Reikitherapeuten in Lanzarote stieß ich auf Kasturis Biographie von Sai Baba.
Ich war sofort im Herzen von diesem kleinen, indischen Mann berührt. Kurze Zeit danach saß ich im Flugzeug nach Indien. Ich mußte ihn sehen!
Da ich auch von Bhagwan Rajneesh/Osho viel gehört hatte, besuchte ich zuerst dessen Ashram in Poona, welcher nur ein paar Stunden von Bombay, meinem Ankunftsort, entfernt war. Der Meister hatte seinen Körper verlassen und es schien mir, daß auch sein Geist diesen Ort verlassen hatte und sich immer mehr eine straffe (deutsche?) Workshopmaschinerie durchsetzte. Es schien alles sehr europäisch-gehetzt - der Lichtblick in diesen acht Tagen waren die Vorträge Oshos morgens und abends.
Endlich komme ich in Prashanti Nilayam, dem Ort himmlischen Friedens, an. Ich geselle mich zu den Südamerikanern. Wir schlafen alle in einer großen Halle, jeder unter seinem Moskitonetz. Das einzige Ereignis sind die zwei Darshans Sai Baba’s, in denen er sich seinen Devotes zeigt und Briefe entgegennimmt und Interviews gewährt. Die Einfachheit des Tagesablaufs und der ‘Therapie’ Babas sind wohltuend. Das stundenlange Warten vor dem Zugelassenwerden zum Darshan hat zusätzlich den Effekt des Langsamerwerdens. Um es vorwegzunehmen, mir wurde kein Interview gewährt, zumindest nicht auf der Äußeren Ebene. Die zwei Wochen in Babas Ashram waren getragen von innerer Freude und Leichtigkeit. Nach dem Darshan saß ich verzückt eine Stunde in den leerwerdenden Tempelhallen. Einfach sein, erfüllt sein. Einmal betrachtete ich Babas Rücken und mir kamen die Tränen vor plötzlichem Glück. Die Leuten drehten sich nach mir um und fragten, was los sei. Später wurde mir erklärt, daß ich ein ‘Ananda’ hatte, eine Glückseligkeitserfahrung, die Baba manchmal gewährt, um den Leuten einen Geschmack von der ursprünglichen Einheit zu geben.
Im Ashram Sai Babas lernte ich durch ‘Zufall’ einen Schweizer kennen, der mir von einem Kundalinimeister, genannt ‘Guruji’, erzählte, der in der Nähe von Delhi seinen Ashram hatte. Als ich etwas später Gurujis Buch las, war ich von der Lektüre elektrisiert - ab nach Delhi. Ich hatte das Glück, daß bald nach meiner Ankunft ein Retreat stattfand. Endlich hatte ich einen erleuchteten Meister, den ich ansprechen konnte und der mir meine Visionen deutete. Die Schwingung während der zwei Wochen war sehr hoch. Es war eine wunderbare Zeit zum Erforschen der inneren Welten. Die Leute im Ashram konnten jedoch nicht verstehen, warum ich nach zwei Wochen nicht bleiben wollte. Gibt es einen besseren Platz auf Erden?
Meine erste Indienreise war im Januar/Februar. Ich hatte das Glück, daß im Ashram Babas ‘nur’ etwa 5- bis 10 000 Leute waren. Bei der zweiten Indienreise, die ich mit meiner damaligen spanischen Frau und drei spanischen Freunden machte, besuchte ich Babas Ashram über Weihnachten. Es waren nach unbestätigten Schätzungen etwa 1 Million Menschen anwesend. Alles war mir zuviel, das Schlangestehen, das schlechte Essen, die tausend Regeln, welche man befolgen mußte, die Einsicht meiner Partnerin, daß unsere Ehe zur Routine geworden ist, und wir uns demzufolge trennen sollten. Baba schien mir weit entfernt, es ergab sich keine innere Verbindung. Er schien mir zu sagen: du brauchst mich nicht mehr, geh jetzt ohne mich weiter.
Ging bei der ersten Reise alles wie auf Rädern, so war diese eine schmerzhafte Erfahrung, in der ich mich nicht nur von dem geliebten Guru trennte, sondern mein ganzes emotionales und berufliches Leben neu beginnen mußte. Ich wurde krank, Durchfall während einem Monat. Ich verbrachte mehr Zeit auf dem Klo als anderswo. Ich konnte das einfach nicht verdauen, was mir das Leben präsentierte. Doch Indien ist ein guter Ort für eine Neuorientierung. Nach drei Monaten hatte ich soweit alles verdaut und war bereit, zurückzukehren.
Gurus sind im besten Sinne Geburtshelfer, Lehrer im entscheidenden Moment. Manche Gurus fallen der Versuchung der Macht zum Opfer, welche die Position eines Gurus verleiht. Sie machen ihre Schüler abhängig, versetzen sie in einen konstanten Zustand von Furcht und lassen sich unter dem Motiv der Egoaufgabe die materiellen Besitztümer der zu Anhängsel gewordenen Devotees übergeben. Andere sind sich ihrer unterstützenden Rolle bewußt und treten nach vollendetem Werk zurück und ermuntern den Schüler, nun selber weiterzugehen.
Doch selbst jene Gurus, welche ihre Macht mißbrauchen, scheinen im großen Spiel der Schöpfung ihren Platz zu haben, fordern sie doch durch ihre massive Unterdrückung jenen verborgenen Teil der Seele heraus, der vielleicht sonst nicht hervorgekommen wäre.
Literaturtip: The mother of God, Luna Tarlo, Plover Press, 1997 New York
Die Geschichte einer Mutter und ihrem Kampf um Befreiung von der Kontrolle ihres Sohnes, dem bekannten amerikanischen Guru Andrew Cohen.
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