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Literatur
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| Autor: Sibilla Pelke |
| erschienen: 14.06.2008 |
| Herausgeber: EV | | | Wunderbare Zeitvermehrung |
Staubsauger-ZenIch habe einmal ein Gedicht geschrieben mit der Überschrift: „Wenn der Buddha nicht in allem ist … „ Dessen letzte Verse lauten: Wenn der Buddha nicht in allem ist, so ist der Buddha nicht.
Wenn Sie das nächste Mal den Staubsauger hervor holen und auf die On-Taste drücken, denken Sie daran: "Der Buddha" ist nicht nur im sanften Lufthauch, im Rauschen des Meeres, im Vogelgezwitscher, sondern auch im Fahrtwind eines Autos, im Stampfen von Maschinen, in der Sirene des Rettungswagens – und eben auch im Aufheulen Ihres Staubsaugermotors. Fahren Sie mit langsamen, ruhigen Bewegungen über den Teppich, nicht ziellos kreuz und quer, sondern geordnet Passage neben Passage, sorgfältig eine gerade Bahn neben der anderen ziehend – wie ein japanischer Mönch, der den Gartenweg harkt, als sei es eine heilige Zeremonie. Es ist für ihn eine heilige Zeremonie. Es gibt heute in esoterischen Geschäften japanische Gärtlein im Miniformat zu kaufen, niedrige Holzkästen mit hellem Sand und Steinen und dazu eine kleine Harke, mit der man Muster in den Sand zeichnen kann, zum Entspannen und zur Einstimmung in die Meditation oder als Meditation. Ich denke, Staubsaugen ist genau so gut. Ein hervorragend geeignetes Feld zum Üben ist auch das Bügelbrett. Ich las in einer Zeitschrift, man solle sich dabei eine Kerze anzünden und klassische Musik auflegen (1, S. 7). Für die Herren gibt es gleichwertige Tätigkeiten: Laub harken, den Gartenzaun oder eine Zimmerwand streichen, Holz sägen und anderes mehr. Autofahren. Auf dem PC schreiben und sich der schwebenden Leichtigkeit im Dahingleiten der Finger dankbar bewusst sein. Der Buddha ist auch im sanften Klicken der Computertastatur.
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Gottes GegenwartDer amerikanische Benediktinermönch Pater David Steindl-Rast erzählt: “Ich kenne zwei alte Schwestern, die ihre eigene Methode haben. Jedes Mal, wenn die Pendeluhr schlägt, sagt eine von den Beiden: `Denk an Gottes Gegenwart!`, und die andere antwortet: ´und sei allzeit dankbar!´ Das mag manchen ein bisschen verschroben anmuten. Man braucht es aber nur selbst zu versuchen, um zu entdecken, was sich da ereignet: Kronos verwandelt sich in Kairos, Uhrzeit in einmalige Gelegenheit, ein unpersönlicher Zeitpunkt in tief persönliche Begegnung mit dem Geber aller Gaben” (2, S. 86). Pater Steindl-Rast stellt hier durch zwei griechische Begriffe zwei verschiedene Bedeutungen von „Zeit“ gegenüber. „Kairòs“ kann beides heißen: rechter Zeitpunkt und rechter Ort im Sinne von „günstiger Gelegenheit“ und ist so etwas wie unsere Philosophie vom „Gegenwärtigen Augenblick“, vom „Hier und Jetzt“, in dem alleine Wirklichkeit und göttliche Offenbarung stattfindet, anders als in der mechanisch und unpersönlich ablaufenden Uhrzeit („Kronos“).
Im Benediktinerkloster werden Dinge nicht getan, wenn einem danach zumute ist, sondern wenn es Zeit dafür ist. Nach der Regel des heiligen Benedikt wird von einem Mönch erwartet, dass er die Feder aus der Hand legt in dem Augenblick, wo die Glocke läutet und nicht einmal mehr einen Querstrich aufs t oder ein Pünktchen aufs i setzt. Außerhalb eines Klosters ist das im Prinzip auch praktikabel, nur nicht so radikal. Man muss nicht das Ei, das man gerade aufschlagen will, fallen lassen! Wer eine Pendeluhr besitzt, die jede Stunde schlägt, ist fein raus. Aber ein Kurzzeitwecker tut es auch. Wenn man ausgeht, kann man kann einen digitalen Kurzzeitwecker, der ja sehr flach ist, in die Tasche stecken, Es gibt sogar Armbanduhren, die jede Stunde leise klingeln.
Über längere Zeit geübt, beim akustischen Zeichen jede Stunde kurz innezuhalten und sich seine göttliche Natur bewusst zu machen, stellt eine wunderbare Übung dar, um ein kontemplativer Mensch zu werden. Damit wird jeder Ort, wo man gerade ist, heilig, der Küchenboden oder die Straße, unter denen sich die heilige Erde befindet. Jeder Augenblick ist Gottes Zeit. Jedes Ding ist heilig. Ganz besonders gefällt mir die Aussage Benedikts, dass jeder Topf und jede Pfanne im Kloster wie ein Altargefäß behandelt werden soll. Wir Alten haben noch beigebracht bekommen, dass man Dinge pfleglich behandelt, wir tun uns schwer mit dem Wegwerfen. Wir Heutigen wissen, dass alles aus göttlicher Energie besteht, und wir selber auch. Pater David Steindl-Rast schreibt, das heiße so viel wie: “Zieht eure Schuhe aus und erkennt, dass ihr auf heiligem Boden steht; allerorten ist Gottes Tempel” (2, S. 28).
Man braucht, um ein kontemplativer Mensch zu werden, nicht ins Kloster einzutreten. Aber man findet in den abendländischen ebenso wie in den östlichen Orden einen reichen Schatz an Anleitungen und Erfahrungen, wie man dahin kommt, die “Klosterzelle” der göttlichen Allgegenwart in sich selbst zu finden und ständig darin zu sein.
Das Alter kann wirklich eine privilegierte Lebensphase sein. Wir entdecken notgedrungen die Langsamkeit. Welch ein Fortschritt! Jüngere müssen Langsamkeit in dieser schnelllebigen Zeit erst üben, wir können sie schon. Wir haben mehr Zeit. Welcher Gewinn! Wir werden vergesslich für Kleinigkeiten. Welche Chance, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren! Und noch ein Geschenk: Wer sich darin übt, im gegenwärtigen Augenblick zu leben, macht die Erfahrung, dass die Zeit still steht. Die Zeit “vergeht” nicht mehr. Wer es dahin bringt, im ewigen Jetzt zu leben, hat alle Zeit der Welt. Wir erfahren in der Kontemplation Zeitlosigkeit. Das kontemplative Leben beschert uns eine wunderbare Zeitvermehrung und möglicherweise – ein längeres Leben.
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Literatur
(1) Simplify Your Life. Ein Newsletter für das Selbstmanagement. Es ist bemerkenswert, dass die Empfehlung: Staubsaugen und Bügeln zur Meditation zu nutzen, in einer Zeitschrift steht, die vom Verlag für die Deutsche Wirtschaft herausgegeben wird (Märzheft 2004).
(2) David Steindl-Rast: Die Achtsamkeit des Herzens. Ein Leben in Kontemplation (GoldmannTB)
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