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Autor: Annadruse Miems
erschienen: 30.09.2004
Herausgeber: Elraanis Verlag
 

Kennen Sie einen Veganer? Abenteuer im astralen Alltag 2

„Elfenspucke”, kommentierte meine Tochter grinsend, als ich mir mit der Hand misstrauisch über den Nasenrücken fuhr und nach oben in die Linde schaute, ob mich wohl gerade ein Eichhörnchen bepinkelte. Nichts zu sehen. Ich machte trotzdem, vorsichtshalber, einen Schritt zur Seite. »Nützt nichts«, kicherte Franziska. Und tatsächlich landeten wieder feine Tropfen in meinem Gesicht, diesmal auf meiner Wange.
»Warum bespucken sie nur mich?«
»Weil ich längst Hallo gesagt hab.« Sie schwenkte vergnügt die Tasche mit ihren nagelneuen Taekwondo-Klamotten.
Wieder sprühte etwas Flüssiges auf mich herunter. Es war ein strahlender Sonnentag. Regen konnte es nicht sein. Ich hob die Hand in Richtung Baumkrone und grüßte, wobei ich mir etwas dämlich vorkam.
»Das hilft jetzt auch nix mehr. Die Elfen sind beleidigt, dass du sie nicht sehen willst.«
»Aber ich kann sie nicht sehen!« – »Umso schlimmer!« – »Aber du, ja?« – »Klar, da, direkt über dir. Und da hinten, in der Astgabel, spielen drei Elfenkinder Fangen, und...« Ich zog sie unter dem Baum weg hin zu einer Parkbank. Mich hatte schon wieder etwas Feuchtes getroffen.
Ohne mit der Wimper zu zucken, erläuterte meine Tochter: »Die, die dich bespuckt hat, trägt ‘ne Krone«. Manchmal ist sie mir echt ein wenig unheimlich. Sie kann mit heiligem Ernst die abstrusesten Dinge behaupten.
Ich ließ mich auf die Bank plumpsen und wechselte das Thema. »Wo bleibt denn diese Julie?« Mit ihrer Klassenkameradin zusammen hatte mein Sprössling sich in den Kopf gesetzt, fernöstliche Kampfkunst zu erlernen.
»Julie ist nicht das Problem.« Auf meinen fragenden Blick hin setzte Franziska nach: »Ihre Mutter...« Sie verzog sorgenvoll den Mund. Ich wartete ab. Vielleicht konnte ich ja etwas über ihre Beziehung zu mir erfahren, gespiegelt darin, wie sie das bei ihrer Freundin und deren Mutter sah.
Franziska spielte mit einer Haarlocke. »Julie muss sie erst vorsichtig an irdische Verhältnisse gewöhnen.«
Ich brachte nur ein verdattertes »Äh« heraus. Meine Tochter zuckte mit den Schultern: »Ihre Mom ist nämlich ein Walk-in.«
Schon hundert Mal hab ich mir geschworen, mich nicht mehr von meinem Töchterchen aus der Fassung bringen zu lassen, und doch kam mir jetzt ganz spontan und ungewollt ein strenges »Wie bitte?!« über die Lippen.
Franziska warf mir die Sporttasche zu und machte ein paar Tritte in die Luft, duckte sich dann vor einem unsichtbaren Gegner und drehte sich unter ihm hinweg, um dann plötzlich neben mir auf die Bank zu springen, wo sie sich wie selbstverständlich auf die Lehne setzte. »Na ja«, meinte sie, »wenn einer seine Aufgabe auf der Erde beendet hat und sein Körper noch halbwegs okay ist, kann er ihm ‘nem Wesen zur Verfügung stellen, das gerne einen hätte. Das übernimmt dann, als Walk-in...«
»Ich weiß, was ein Walk-in ist.« Aber ich war verblüfft, dass meine Tochter das wusste. Und dass sie einen kannte! »Wie in aller Welt kommst du denn darauf, dass Julies Mutter...?«
»Hat sich plötzlich eines Tages ziemlich seltsam verhalten. Nadja hat gleich so was vermutet. Und dann hat Thorsten von der 7b die Akasha-Chronik gecheckt, und da war’s klar.« – »Die Akasha-Chronik?!« – »Oops!« Franziska schlug sich die Hand vor den Mund. »Darf ich dir gar nicht erzählen!« Sie sah sich um, ob uns jemand belauschte, und senkte dann die Stimme. »Thorsten hat ‘n ziemlich guten Zugriff auf Gottes Festplatte.« Sie kicherte. »Zuerst dachte ich, er meint was zum Essen.«
Franziska stand auf und probierte, auf der Lehne zu balancieren. »Halt mich mal fest, Mama. Ich muss meine Mitte finden. Die brauch ich gleich.«
»Dieser Thorsten...« begann ich vorsichtig. Franziska schüttelte den Kopf: »Das hat Julie ein Pausenbrot gekostet, aber behalt‘s bloß für dich. Seitdem jedenfalls kümmert sie sich um ihre Mutter und bringt ihr alles Wichtige bei.« – »Du meinst wirklich, in deren Körper sei...« – »...ein Außerirdischer. Klar. Sie ist ‘n Walk-in, da ist das so. Genau wie bei Paps. Ah!« Sie sprang von der Lehne und lief kampfbereit auf Julie zu, die die Hand ihrer Mutter losließ und »Engarde!« rief. Ich hatte die beiden gar nicht kommen sehen.
Gelegenheit zur Nachfrage, was Franziskas »Paps«, also meinen Ex-Gatten anging, gab es nicht mehr: Wir begleiteten unsere sich balgenden Kinder bis vor die Fabriketage der Martial-Arts-Schule, aus der markerschütternde Kampfschreie drangen, als die beiden ein wenig nervös hinter der Tür verschwanden. Ich hatte immer wieder Seitenblicke zu Julies Mutter geworfen, doch außer, dass sie etwas verträumt wirkte und zuviel Parfüm aufgelegt hatte, fiel mir nichts weiter auf.
»Dann werden die zwei sich ja bald bestens gegen Jungs zur Wehr setzen können«, meinte ich mit Blick auf die zuschlagende Tür.
Julies Mutter schüttelte den Kopf. »Hat ihnen Friska das erzählt?« Franziska nannte sich alle paar Monate anders – ich hatte gar nicht geahnt, was so alles in den Buchstaben ihres Namens steckte, von Franzi bis Ziska. Momentan war also Friska angesagt.
»Es geht ihnen um den Weg, nicht um den Kampf!« erläuterte Julies Mutter, als wir uns an den Abstieg durchs Treppenhaus machten: »Das Einüben von Selbstdisziplin, Geduld, Höflichkeit, Toleranz und...« Sie hatte es wie auswendig gelernt aufgesagt und geriet nun ins Stocken. »Wie sagt man hier? Es war ein interessantes historisches Konzept...«
Ich sah sie verblüfft an.
»Ah« rief sie, »ich weiß wieder: Ritterlichkeit! Hat sie ihnen denn nichts davon gesagt?«
Was hatte die Frau mit »Wie sagt man hier?« gemeint? Den Planeten Erde? Ich traute mich nicht nachzufragen. Beim Abschied allerdings platzte es aus mir heraus: »Sie sind nicht aus Berlin, oder?«
»Nein, nein«, meinte sie lächelnd, »aber mich verbinden viele Erinnerungen an die Stadt.« Damit wandte sie sich um und ging. Ich schüttelte mich und musste mich irgendwie abreagieren, machte hinter ihrem Rücken Spocks Vulkanier-Gruß – es funktionierte noch, die vier Finger teilten sich zu einem V. Ich lachte, doch ganz wohl war mir bei der Sache nicht.
Schwerer lag mir im Magen, was Franziska zuletzt über ihren Vater gesagt hatte. Ich zahlte gerade ein kleines Vermögen für meine Strähnchen, als sie frischgeduscht bei meinem Friseur eintraf, wo wir uns verabredet hatten. Sie wollte gleich begeistert von ihrem neuen Teakwondo-Lehrer berichten, doch ich konnte die Sache nicht auf sich beruhen lassen.
»Na, das würde doch alles erklären, Mama«, meinte sie leichthin: »Dass er auf einmal so komisch wurde und sich dann plötzlich scheiden ließ. Ohne dass da eine andere gewesen wär. Oder er sein Coming Out hatte oder so.« Mein Ex-Mann lebt inzwischen in Bremen-Findorff, und alle zwei, drei Wochenenden fahren wir ihn besuchen.
»Aber nicht jeder, der sich charakterlich ändert, ist gleich ein Walk-in! Außerdem hat er sich nicht ›plötzlich‹ scheiden lassen...« – »Jedenfalls hat Paps seine Karriere in den Wind geschossen, und insgesamt bin ich mir ziemlich sicher, dass er Veganer ist. Meint Nadja auch.« – »Das ist doch Unsinn, Friska. Beim letzten Mal hat er Lamm gekocht, weißt du noch?«
Meine Tochter sah mich an, als habe ich gerade von Bienen und Blumen angefangen, um sie aufzuklären. »Ich red nicht vom Verzicht auf tierisches Eiweiß, sondern davon, dass Paps von der Vega kommt. Das ist ein Stern! Denk doch nur mal daran, wie sich seine Hautfarbe geändert hat.« – »Das macht die Sonnenbank.« – »Pfff«, machte Franziska, »das ist doch nur Tarnung. Die Veganer sind zwar humanoid, aber dunkelhäutig. Das schlägt wohl auch bei Walk-ins durch. Und überhaupt interessiert er sich nicht mehr für Geld.« – »Ja. Klar. Wegen der Alimente, die er eigentlich zahlen müsste.« Ich war verblüfft, was Franziska für phantastische Entschuldigungen für das unmögliche Verhalten ihres Vaters entwickelt hatte. Konnte ich das zulassen?
Ich zückte mein Handy. »Rufen wir ihn an, und fragen wir ihn einfach!« Doch Franziska schüttelte mitleidig den Kopf. »Er wird es wahrscheinlich noch nicht wissen. Bei manchen dauert’s etwas. Mach dir keine Sorgen« – sie nahm meine Hand und tätschelte sie beruhigend – »die Veganer sind in der Föderation und bekämpfen das Orion-Imperium!«
Ich blieb abrupt stehen. Hier war offenbar der Punkt erreicht, wo ich erzieherisch eingreifen musste. »Friska, Schatz, du bildest dir das alles ein. Dein Unbewusstes versucht, damit unsere Scheidung zu verarbeiten. Ich kann das ja verstehen, aber...« Ich suchte nach Worten. »Du bist alt genug, um einzusehen, dass Menschen sich auch manchmal zum Schlechteren ändern können. Da braucht es keinen Walk-in. Das ist einfach so. Punkt.« Ich war eigentlich ganz zufrieden mit meiner kleinen, improvisierten Rede.
Franziska runzelte die Brauen. »Wieso denn zum Schlechteren? Ich finde, Paps hat sich gemacht. Ist sogar richtig cool geworden. Kein Vergleich zu vorher.« Plötzlich lief sie los: »Komm, wir nehmen die Abkürzung über den Hinterhof!« Sie rannte in einen Hauseingang. Doch ich fühlte mich nicht in der Lage, auf Mülltonnen zu steigen und die Steinmauer zu überklettern, die die beiden Hinterhöfe trennt. Den langen Weg um den Block nehmend fragte ich mich, ob meine Tochter mir signalisieren wollte, sie würde sich eine ebenso »coole« Mutter wünschen. Hätte ich mich nach der Scheidung ändern sollen?
Später, zur Wohnung rauf, nahm ich zwei Stufen auf einmal. Inzwischen grinste ich übers ganze Gesicht: »In meinem Ex hockt jetzt einer von der Vega!« Das war verrückt, aber hatte irgendwie einen beschwingt machenden, therapeutischen Einfluss auf mich. Es erklärte tatsächlich Vieles, und es ließ sich so viel leichter akzeptieren.
»Wenn’s weh tut, nimm’s nicht persönlich« hatte es beim Satsang mit einem Erleuchteten geheißen, aber bei meinen privaten Themen blieb Das unpersönliche Leben* bisher bloße Theorie für mich. Vielleicht sollte ich mir generell vorstellen, von galaktischen Gastarbeitern umgeben zu sein... Ich kicherte. Das war ja noch abstruser als die Phantasien meiner Tochter – aber irgendwie auch befreiend.
Deshalb hatte der Mistkerl mir meine Sammlung von Suzanne-Vega-CDs entführt!, ging mir auf, und ich musste laut lachen, als ich die Haustür aufschloss.
»Darfst du aber auf keinen Fall weitererzählen!« rief mir meine Tochter zur Begrüßung aus ihrem Zimmer zu, wo sie bereits über ihren Hausaufgaben saß.
»Nee, klar. Er könnte sonst einen Schock bekommen. Lassen wir ihm Zeit, okay?«
Franziska schaute von ihrem Biologiebuch auf und bemerkte, dass ich breit lächelte. »Ich meinte das mit Thorsten. Der kommt nämlich auch zu meiner Party.«
»Oh. Meine Lippen sind versiegelt. Obwohl ich ja zu gern wüsste...« – »Mama!« Sie warf mir einen strafenden Blick zu. Ich nickte und zog einen imaginären Reißverschluss über meine Lippen. Und machte mich, If You Were in My Movie summend, so vergnügt wie lange nicht mehr an den Abwasch.


Die Autorin

Wer ist Annadruse Miems? Manchmal weiß sie, als berufstätige, alleinerziehende Mutter selbst nicht, wo ihr der Kopf steht. Seit Jahren schon versucht sie, Durchgaben aus der jenseitigen Welt und die Energien des New Age mit ihrem Alltag unter einen Hut zu bringen. Von ihren Erlebnissen berichtet sie exklusiv für die Leser des Lichtfokus.


 
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