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Autor: Annadruse Miems
erschienen: 01.11.2004
Herausgeber: ev
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Ich channel was, was du nicht siehst - Abenteuer im astralen Alltag (Teil 4)

Pfannkuchen

Ich bemerkte den Brummer erst, als er sich im direkten Anflug auf den Pfannkuchenteig befand, den ich gerade mit Hingabe rührte. Mit einem entsetzten Aufschrei sprang ich zurück. Franziska steckte ihren Kopf den Durchgang zur Küche herein. „Eine Riesenwespe!“ kreischte ich und schlug mit dem Teiglöffel um mich. Dann hatte ich das Biest aus den Augen verloren und hielt inne.

„Wohl eher eine Hornisse“, belehrte mich meine Tochter. Plötzlich brummte es laut und zornig direkt an meinem Ohr. Mit einem Entsetzensschrei sprang ich neben Franziska. Die Hornisse umkreiste den Pfannkuchenteig und flog dann die Batterie an Saft- und Wasserflaschen entlang, die ich auf Energetisierkärtchen gestellt hatte.

„Ich hol den Staubsauger“, sagte ich mit fester Stimme, doch meine Tochter hielt mich zurück.
„Die stehen unter Naturschutz“, meinte sie, schloss ihre Augen und streckte der Hornisse eine Handfläche entgegen. Diese zog daraufhin noch einen Kreis um meine Bleche mit Zwiebelkuchen, die bereit standen, in den Ofen geladen zu werden, wandte sich dann wieder Richtung Fenster, das ich auf Kipp gestellt hatte, und flog, ohne auch nur einmal gegen Glas zu klatschen, in die Freiheit zurück.
Franziska war ihr mit der Handfläche gefolgt und öffnete jetzt wieder die Augen. „Puh“, sagte ich und fuhr mir durchs Haar, wie um die Erinnerung an das gefährliche Brummen wegzuwischen.
„Am besten, du hältst dich heute zurück. Kümmerst dich um den Getränkenachschub und so.“ Sie blickte zur Küchenuhr. „Und bis es losgeht, könntest du...“
„Wollen wir nicht doch noch ein bisschen dekorieren und so?“ unterbrach ich sie. Missbilligend schüttelte sie den Kopf. „Oder ein paar Spiele rauslegen?“ Franziska schnaubte. Vierzehn, schwieriges Alter. Für die Mutter hauptsächlich.
„Vielleicht solltest du noch ein wenig meditieren. Weil du so nervös bist. Und ich möchte doch, dass du einen guten Eindruck hinterlässt.“
Eine knappe Stunde später hatte ich schließlich doch eine Kerze angezündet und mich in meinem Schlafzimmer aufs Meditationskissen gesetzt. Mal ehrlich: Jetzt hatte ich mir vorgenommen, besser auf die Winke des Universums zu achten – zwar wollte ich mir von meinem Töchterchen nichts vorschreiben lassen, und nervös hatte mich nur die Hornisse gemacht, aber Franziskas Vorschlag war als Hinweis für mich nicht weniger wertvoll als beispielsweise ein zufällig beim Zappen im Fernsehen aufgeschnappter Satz. Das sagte mir meine Logik. Trotzdem saß ich da erst einmal mit meinem Trotz. Und bevor sich irgendeine Versenkung einstellen konnte, ging die Türklingel.
Wenig später war unsere Wohnung von Geplapper und Geschnatter erfüllt. Und von lauter neugierigen Freundinnen, die sich überall interessiert umsahen. Schnell pustete ich die Kerze aus und schob das Kissen unter mein Bett.
„Mom, schneidest du uns die Torte auf?“ Franziska erschien mit einem überdimensionalen Schokoladenkuchen in der Tür. Freundinnen hatten sie gebacken, und mit Smarties stand drauf „Für Zissy“. Aha. So wurde sie also zur Zeit genannt.
Alle saßen schon erwartungsvoll um Franziskas Schreibtisch herum, den ich mit Tischtuch, Servietten und einem Blumenstrauß – mehr ließ sie nicht zu – zur Geburtstagstafel meiner Tochter umfunktioniert hatte, als ich den Kuchen servierte. „Was macht deine Mutter eigentlich so?“, wurde Franziska gefragt.
„Ich arbeite in einem...“ setzte ich an, doch meine Tochter unterbrach mich mit „Sie ist ‘ne Lichtarbeiterin“, was unterschiedliche Reaktionen auslöste, von Desinteresse über Befremden bis hin zu einem kollegialen Nicken.
„Was’nn das?“ wollte einer der wenigen Jungs am Tisch wissen. Alle Augen richteten sich auf mich.
„Ich ähm...“ Meine Tochter machte keine Anstalten, mir zur Hilfe zu kommen. Stattdessen ergriff ein großgewachsenes Mädchen mit rotgefärbten Haaren, das mir vorher lächelnd zugenickt hatte, das Wort: „Lichtarbeiter glauben, dass es mehr als ihre beschränkte menschliche Persönlichkeit gibt, und stellen sich in den Dienst von etwas Umfassenderen.“ Der Junge nickte grinsend und sagte: „Microsoft?“
Alle lachten. Meine Tochter zog mich zu sich herunter und meinte: „Das war Nadja. Und das da Thorsten.“ Alle schienen versorgt, keiner mehr an mir interessiert, aber ich wollte mich nicht einfach wie ein Heimchen in die Küche verziehen.

Und so fragte ich vorlaut in die Runde: „Ist eigentlich Krekk hier? Ich meine, Yvonne?“ Franziska hatte mir letztens von einem Mädchen in ihrer Klasse erzählt, das sich für einen Drachen hielt.
„Nee“, sagte Thorsten, „Krekk muss sich häuten.“ Franziska nickte traurig: „Schlechtes Timing.“ Alle mampften hingebungsvoll ihr Stück Schokoladenkuchen. Und ich zog mich nun doch in die Küche zurück.
Über einen Milchkaffee gebeugt fiel mir ein, dass meine Tochter sowohl von Thorsten als auch von Nadja erzählt hatte. Nadja kannte sie aus der Schülerzeitungs-Redaktion, wo sie als Expertin für Alien-Channelings galt. Und Thorsten checkt hin und wieder mal für ein Pausenbrot die Akasha-Chronik.

„Frau Miems?“ Nadja war zu mir an den Küchentisch getreten, und ihre Augen leuchteten auf, als sie mich am Kaffee nippen sah.
„Auch einen?“ fragte ich. Sie nickte und setzte sich. Ich goss ihr ein. Nadja hatte einen warmen, ernsten Blick, dem ich anzusehen glaubte, dass sie ein, zwei Jahre älter als meine Franziska war. Oder lag das an den dichten, dunklen Augenbrauen?
„Sie sind Thorsten doch nicht böse...?“ – „Böse?“ – „Wegen ‚Microsoft‘.“ Ich musste lachen. Nadja nahm dankbar den Kaffee entgegen, in den ich reichlich Milch geschüttet hatte.
„Zis hat mal erwähnt, dass Sie Channelings lesen...“ Ich nickte: „Allerdings keine Raumflottenkommandanten oder andere Außerirdische.“
Nadja sah mich ernst an und runzelte ein wenig die Brauen. Dann zog sich ein feines Lächeln über ihre Lippen: „Wenn ein Channeling von Jenseits kommt, ist es automatisch ein wenig außerirdisch, oder?“ Sie wartete eine Antwort nicht ab: „Haben Sie selbst auch schon?“ – „Gechannelt?“ Ich schüttelte den Kopf.
„Vielleicht haben Sie ja Lust, mit rüberzugehen.“ Nadja erhob sich. Ich folgte ihr misstrauisch: Was mochte da inzwischen im Zimmer meiner Tochter vor sich gehen?
„Ich bin dann wie tot, als ob ich gar nicht da wäre, für eine lange Zeit. Doch hin und wieder fühle ich etwas Fremdes in mir, etwas Weiches, und das kickt mich an, macht mich wütend, das macht mich heiß!“ Franziska saß mit geschlossenen Augen inmitten ihrer Gäste, die alle gespannt an ihren Lippen hingen. Nadja setzte sich leise auf ihren Platz, ich blieb in der Tür stehen.
„Doch bevor ich diesen Fremdkörper ganz verbrennen kann, springt er raus, und ...“ – „Ich weiß!“ rief Thorsten. Franziska öffnete die Augen und sah ihn fragend an. „Euer Toaster.“ Alle blickten an mir vorbei durch den Durchgang in die Küche, wo auf der Anrichte der chromglänzende Toaster stand. Franziska nickte. Thorsten grinste.
Er schloss die Augen: „Ich channel was, was du nicht siehst, und das sagt...“
Es wurde noch ein lustiger Abend. Nur dass wir wegen des mitgebrachten Kuchens nicht mehr zu den Erdbeerpfannkuchen kamen.
Als ich endlich gespült und aufgeräumt hatte, war ich immer noch nicht müde. Ich meditierte eine Runde, setzte mich dann am Küchentisch an Bürokram. Schließlich stellte ich mich auf den Balkon, wo ich noch ein wenig Zwiesprache mit den bereits verblassenden Sternen hielt. Wie ein Geist erschien Franziska im Bademantel. Hatte sie auch nicht schlafen können?
„Danke für alles“, sagte sie und küsste mich. „Und sorry wegen der ‚Lichtarbeiterin‘ – ist mir so rausgerutscht...“ – „Schon okay.“ – „Weil ich doch irgendwie auch ...“ Ihre Stimme verklang.
Ein paar Augenblicke lang starrten wir beide hoch in den Nachthimmel. Franziska legte einen Arm um meine Hüfte und schmiegte sich an mich. „Weißt du, manchmal weiß ich’s auch nicht.“ Ich legte ihr den Arm um die Schulter. Jetzt nicht drängen, sondern einfach abwarten.
„Wer ich bin und so, warum ich hier bin, und was wichtig ist. Und was überhaupt wahr ist. Und ob ich was checke oder nicht. Weißt du?“
Ich nickte. „Geht mir genauso.“ Franziska kicherte ein bisschen: „Echt? Du auch?“ – „Na ja, wenn ich eins weiß, dann das.“ Sie drehte sich zu mir und versuchte, mir ins Gesicht zu sehen. Doch es war zu dunkel. „Da sieht man’s mal wieder.“ – „Genau. Wir tappen völlig im ...“ – „... im Licht!“
Wir mussten beide lachen. Das gefiel mir: völlig im Licht tappen. Das passte irgendwie.
Die Sonne ging auf. Und Franziska lief barfuß in die Küche, um Pfannkuchen für uns zu backen.



Die Autorin

Lichtarbeit und Alltag unter einen Hut zu bringen – das ist für die berufstätige, alleinerziehende Berlinerin Annadruse Miems nicht immer leicht. Von ihren entsprechenden Anstrengungen und Abenteuern berichtet sie mit einem Augenzwinkern exklusiv für die Leser des Lichtfokus.


 
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