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Politik
Spiritualität
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| Autor: Kerstin Doberstein |
| erschienen: 16.01.2008 |
| Herausgeber: Elraanis Verlag | | | Frei, verantwortlich, selbstbewusst |
 Lernen an der Sudbury Valley SchoolUnsere neue Rubrik wird eröffnet mit einer Schulform, die in den 60er Jahren in USA gegründet wurde und seitdem ununterbrochen gelebt wird. Die Sudbury Valley Schule ist gelebtes Beispiel dafür, dass Schule, und Lernen keine Widersprüche zu Spiel, Spaß und Freiheit sein müssen. In lockerer Folge werden wir in den nächsten Lichtfokus Ausgaben über ähnliche Schul- und Lernformen berichten. Impulse aus der Leserschaft, Stichwort „Neue Schulen für Indigo-Kinder“ sind willkommen.
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 Wie es begannBereits 1967 war eine Gruppe junger Eltern aus den USA der Auffassung, das bestehende Schulsystem würde ihren Sprösslingen eher schaden als nutzen. Kurzerhand beschlossen sie daraufhin die Gründung einer eigenen Schule, deren Grundlage die Idee war, dass ein Kind als Person vollen Respekt verdient. Für viele spirituell orientierte Menschen ist das freilich ein selbstverständlicher Grundsatz, dennoch zieht dessen institutionelle Umsetzung komplexe Konsequenzen nach sich. Denn die „Sudbury Valley School“, wie sie seit Ihrer Eröffnung ein Jahr später heißt, hinterfragt unsere Vorstellungen der Funktionsweise von Schule, Bildung und Lernen radikal. So geht sie davon aus, dass Kinder und Jugendliche selbst am besten wissen, was sie wann, wie, wo und mit wem lernen wollen. Das bedeutet, dass der Plan, den ein Kind für sich hat, bedingungslos ernst genommen wird und vollkommen gleichberechtigt neben dem Plan, den beispielsweise ein Erwachsener für sich hegt, steht. In unseren „normalen“ Schulen wäre das undenkbar. Allein die Tatsache, dass strenge Lehrpläne und damit verbundene Lernziele existieren, die jeden aussondern, der am Ende des Schuljahres nicht der Norm entspricht, widerspricht jedweder Natürlichkeit. Sei es in Form schlechter Bewertungen oder gar verbunden mit der Auflage, ein Schuljahr wiederholen zu müssen – jedem, der zu einem festgelegten Zeitpunkt nicht den allgemein gültigen Erwartungen entspricht, wird unmissverständlich deutlich gemacht, dass seine Individualität nicht gefragt ist. Dabei ist es doch normal, dass Kinder zu unterschiedlichen Zeitpunkten unterschiedliche Interessen entwickeln, und dass einige zum Begreifen bestimmter Inhalte mehr Zeit brauchen, auf anderem Gebiet den Altersgenossen jedoch längst voraus sind. Wer fragt später, ob der erfolgreiche Geschäftsmann schon mit fünf oder erst mit neun lesen konnte? Hingegen werden anpassungsfähigere, gehorsame Schüler belohnt, was nicht generell verurteilt werden sollte, jedoch schon früh die Erkenntnis fördert, dass Funktionieren der beste Weg ist, um Anerkennung zu erhalten und in dieser Welt zu bestehen. Nach und nach entfernen sich viele Kinder auf diese Weise von dem Weg, für den sie gekommen sind; das Ergebnis sind orientierungslose Erwachsene, unfähig, für sie stimmige Entscheidungen zu treffen und innerlich voll unverstandener Trauer über ein ungelebtes Leben, welches sich jedem Zugriff scheinbar ungreifbar entzieht.
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 Unbedingte FreiheitDie Sudbury Valley School hat das längst begriffen und gewährt ihren Schülern in Bezug auf ihre individuelle Entwicklung unbedingte Freiheit. Da Kinder von Natur aus neugierig sind, ist es nicht nötig, ihnen vorzuschreiben, was sie zu lernen haben. Sie wissen intuitiv, was für sie richtig ist, und so entscheidet unabhängig vom Alter jeder Schüler selbst, womit er seine Zeit an der Schule verbringt. Es kann beispielsweise sein, dass ein Kind monatelang nur draußen spielt oder ein anderes während mehrerer Wochen nichts anderes tut außer Musik hören. Jedoch ist es erstaunlich zu beobachten, dass genau diese Kinder später mit der gleichen Hingabe, Intensität und Kreativität vor einem Rechenbuch sitzen und begierig sind, die Grundlagen höherer Mathematik zu verstehen. Und das nicht, weil jemand gekommen ist und gesagt hat, dass es wichtig im Leben wäre, rechnen zu können, sondern weil während des Spielens oder Musikhörens plötzlich Fragen aufgetaucht sind, die sich mit Hilfe der Mathematik beantworten lassen. Und so lernen die beiden schließlich freiwillig und voller Eifer, wogegen Schüler an anderen Schulen längst eine Resistenz entwickelt haben, einfach, weil ihnen der Sinn verborgen bleibt. An der Sudbury Valley School kann also ohne Druck stattfinden, was wir als wahres Lernen bezeichnen würden. Auf die bloße Vermittlung von Wissen hingegen und die darauf beruhende Philosophie der Abrufbarkeit von Leistungen, die in den meisten Fällen sowieso lediglich das Kurzzeitgedächtnis trainiert, wird verzichtet.
Auch das Autoritätsprinzip sucht man an Sudbury vergeblich. Die Lehrer verstehen sich eher als Mentoren oder Begleiter und kommen nur auf ausdrückliche Initiative der Schüler als Lehrende zum Einsatz. Sie sind gewissermaßen selbst Mitlernende, und so bereichert der Austausch und die Kommunikation zwischen den Generationen alle Beteiligten. Das Ergebnis sind Respekt, gegenseitiges Verständnis und Freundlichkeit im Umgang miteinander.
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SelbstverwaltungAnders als Kritiker oft meinen ist die Sudbury Valley School trotz der scheinbar fehlenden Strukturen kein Ort anarchischer Zustände. Die Verwaltung der Institution erfolgt im Gegenteil auf streng demokratischer Grundlage. Über alle Fragen, die den Schulalltag betreffen, entscheidet eine wöchentlich tagende Versammlung, in der jeder Schüler sowie jeder Mitarbeiter eine gleichwertige Stimme hat. In fairer Abstimmung werden beispielsweise Regeln für das Zusammenleben in der Schule aufgestellt, die Rechte des Einzelnen festgelegt oder Beschlüsse gefasst, wofür das Geld der Schule ausgegeben wird. Einmal im Jahr entscheiden geheime Wahlen sogar darüber, welche Mitarbeiter im kommenden Jahr an der Schule arbeiten sollen oder welche die Schule eventuell verlassen müssen. Da die Schüler gegenüber den Mitarbeitern naturgemäß in der Mehrzahl sind, müssen diese sich also sehr wohl überlegen, wie sie sich den Schülern präsentieren oder ihnen gegenüber argumentieren. Auch die Verletzung der gemeinsam aufgestellten Regeln oder Verstöße anderer Natur werden von Schülern und Mentoren gemeinsam in einem fairen Prozess untersucht. Dabei werden die Stufen eines rechtsstaatlichen Verfahrens eingehalten und wenn nötig, auch die Konsequenzen eines Schuldspruchs festgelegt. Grundlegende Freiheitsrechte und Demokratie als solche sind an der Sudbury Valley School demnach unmittelbar erlern- und erfahrbar. Zusammen mit der individuellen Freiheit, seinen eigenen Weg in seinem eigenen Tempo gehen zu dürfen, wachsen auf diese Weise selbstbewusste Persönlichkeiten heran, die äußerst effektiv lernen und wissen, was es heißt, Verantwortung für sich und seine Handlungen sowie deren Folgen zu übernehmen.
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Sudbury weltweit?Im Laufe der Jahre haben sich die Sudbury Valley School und Ableger nach ihrem Vorbild rund um den Globus in alle Welt verbreitet. Auch in Deutschland gibt es inzwischen mehrere Gründungsinitiativen, die sich um die Eröffnung einer solchen demokratischen Schule bemühen. Bisher mit mäßigem Erfolg. Denn in Deutschland gilt die allgemeine Schulpflicht; Unterricht darf nur an staatlichen Schulen bzw. staatlich anerkannten Ergänzungsschulen stattfinden. Und da das Sudbury-Konzept den gängigen „Bildungsstandards“ nicht entspricht, die Schüler Ihrer Schulpflicht folglich nicht nachkommen würden, hat bisher noch keine Initiative die Genehmigung zum Betrieb erhalten. Trotzdem eröffnete 2004 in Überlingen in Baden-Württemberg die erste Sudbury Valley School in Deutschland. Die Eltern beantragten beim Schulamt die ausnahmsweise Befreiung ihrer Kinder von der Schulpflicht und nahmen, da sie durchweg abschlägige Bescheide erhielten, sogar die Zahlung von beträchtlichen Bußgeldern in Kauf. Nach einigem hin und her mussten sich die Initiatoren den Behörden jedoch geschlagen geben und stellten den Betrieb der Schule vorerst wieder ein. Ähnlich verlief das Unterfangen in Leipzig. Wenige Tage vor der Eröffnung der Schule im August 2005 untersagte das Regionalschulamt den Betrieb als Ergänzungsschule. Daraufhin bildeten einige beteiligte Familien provisorisch ein Bildungsnetzwerk, in dem ihre Kinder übergangsweise an verschiedenen Lernstätten die Möglichkeit haben, sich auf Grundlage der Prinzipien selbstbestimmten Lernens Wissen anzueignen. Momentan ist eine Beilegung des Konflikts aber auch hier noch nicht absehbar, eine rechtliche Diskussion und Lösung des Problems wird deshalb angestrebt.
Dass es sich trotz aller Widerstände und Schwierigkeiten lohnt, Vorhaben wie die Eröffnungen von Sudbury Valley Schools zu unterstützen, wird deutlich, wenn wir inne halten und uns auf jene besinnen, um die es eigentlich geht: unsere Kinder. Mutig, lachend und voller Lebensfreude erkunden sie die Welt und verblüffen uns mit ihren klugen Fragen und genialen Antworten. Erfrischend unbefangen gehen sie aufeinander zu und kommunizieren und handeln frei von Wertung und Berechnung. Wäre es nicht ein angemessener Beitrag, ihnen zu ermöglichen, diesen göttlichen Zustand zu erhalten? Da wir nicht immer direkten Einfluss darauf haben werden, was unsere Kinder sehen, lernen und tun, könnten wir wenigstens versuchen dafür zu sorgen, dass ihre Entwicklung persönlichkeitsgerecht verläuft. Das Lernen an einer Sudbury Valley School als alternative Option zu den staatlichen Schulen scheint ein möglicher, optimaler Schritt in diese Richtung.
(Wer ausführlichere Informationen über die Sudbury Valley School sucht oder weiterführende Literatur zum Thema lesen möchte: www.sudbury.de. Von dort aus gelangt man u.a. auch auf die Websites der Gründungsinitiativen in Deutschland.)
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ZitateZitate
(Quelle: Die Sudbury Valley School. Eine neue Sicht auf das Lernen. tologo Verlag, Leipzig 2005)
Schulen sind heutzutage Institutionen, in denen man unter „Lernen“ „unterrichtet werden“ versteht. Die Menschen sollen etwas lernen? Unterrichte sie! – Sie sollen mehr lernen? Unterrichte sie mehr! Und mehr! Lass sie härter arbeiten! Lass sie länger üben!
Aber Lernen ist ein Prozess, den man tut, nicht ein Prozess, der an einem getan wird. Das gilt für alle Menschen. Es ist grundlegend.“
Daniel Greenberg (Gründer der Sudbury Valley Shool)
Sudbury Valley lässt ihre Schüler in Ruhe. Pause. Kein Aber. Keine Ausnahmen. Wenn wir gefragt werden, helfen wir, falls wir können. Wir mischen uns nicht ein. In erster Linie kommen die Leute zum Lernen her. Und genau das tun sie – jeden Tag, den ganzen Tag.
Daniel Greenberg
Früher gab es immer die Frage, wie unsere Schüler ohne Kurse, Zensuren oder Transkripte aufs College kommen könnten. Wir mussten versuchen, die Leute auf der Grundlage theoretischer Vorstellungen zu überzeugen. Jetzt gibt es da keine Fragen mehr, weil jeder Abgänger, der aufs College gehen wollte, aufgenommen wurde.
Daniel Greenberg
Im Laufe der Jahre stellten wir fest, dass viele Schüler die Zeit nicht nur dem Lernen von Sachen, die sie lieben, widmen, sondern sich mit Vorliebe dafür entscheiden, Themen zu lernen die sie widerlich oder langweilig finden. Sie wählen nicht nur nicht den Weg des geringsten Widerstandes, sondern sie suchen gerade nach dem Weg, der ihnen am schwersten fällt. Dieses Phänomen ist in allen Altersgruppen weit verbreitet, aber es tritt erst auf, nachdem den Schülern bewusst geworden ist, dass ihr Schicksal in ihren eigenen Händen liegt, und dass die Ausrichtung ihres Lebens von ihren eigenen Handlungen abhängt.
Hannah Greenberg
Es liegt in der Natur des Menschen, sich auf die Probe zu stellen, Aufregung in der Erforschung des Unbekannten zu suchen und sich daran zu erfreuen, Probleme zu lösen. Die Kinder an der SVS haben Zeit, all das und noch mehr zu tun. Jeden Tag besteigen sie mit Mut und Kraft ihren persönlichen Everest. Oft sind wir über ihre Taten erstaunt und fragen uns, wie so junge Menschen so viel Voraussicht und Weisheit besitzen können, den schwierigen Weg zu wählen, um ihr Leben zu verbessern.“
Hannah Greenberg
Als ich sechs war, wusste ich, wer ich war. Dann ging ich zur Schule und vergaß es. Jetzt, nach drei Jahren an der Sudbury Valley School, habe ich mich selbst wiedergefunden und weiß, wer ich bin.
Jennifer, 16 Jahre, Schülerin
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| Quellen und Verweise: |
http://www.sudval.org |
http://www.sudbury.de |
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