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Autor: Sibilla Pelke
erschienen: 18.04.2008
Herausgeber: Elraanis Verlag
 

„...dem schmecken alle Dinge nach Gott“ - Meister Eckhart

Einleitung

Nach dem Interview mit dem katholischen Benediktinermönch und Zen-Meister Willigis Jäger in unserer vorigen Ausgabe (Nr.19) bringen wir weitere Porträts von christlichen Mystikern aus alter und neuer Zeit. Die christlich-abendländische Kultur ist ebenso reich an mystischen Schätzen wie die fernöstlichen Kulturen. Diese Feststellung soll niemanden davon abhalten, fernöstliche Philosophien, Religionen, kultische Praktiken zu studieren und ihre unvergleichlichen Schulungs- und Übungsmethoden zu benutzen. Eine transkonfessionelle und transreligiöse Spiritualität für das 21. Jahrhundert verlangt jedoch, dass wir auch die christliche Tradition neu entdecken, lieben und erkennen, dass die Weltreligionen in ihrem mystischen Kern wirklich eins sind.



Was ist Mystik?

Mystik ist nach einer Definition der mittelalterlichen Schultheologie: cognitio Dei experimentalis, Erkenntnis Gottes aus der Erfahrung. Es handelt sich um ein eigenständiges Gotteswissen im Unterschied zu der Erkenntnis von Gott, die durch Lehre und Bücher, Unterweisung und Tradition vermittelt wird. Merkmale sind oft: das Gefühl des Einsseins mit allem, was lebt; das Aufhören des Ego und zugleich die Entdeckung des wahren Selbst; eine intensive unbegründbare Freude bis hin zur Ekstase, die sich bis zu einer fast schmerzhaften Intensität steigern kann mit Phasen des Gegenteils, tiefer Dunkelheit in der Seele und dem Gefühl der Leere und Verlassenheit (3, S. 39).

Das lateinische Wort mysticus , unbeschreiblich, unaussprechlich, geheimnisvoll war schon lange im Gebrauch. Als Anrede für die Muttergottes erscheint es z. B. in der „Lauretanischen Litanei“, die unter den bis heute in der katholischen Kirche gebräuchlichen Wechselgesängen mit wiederkehrenden Bittformeln eine besondere Stellung einnimmt. Die Lauretanische Litanei ist 1531 in der italienischen Wallfahrtskirche von Loreto erstmals schriftlich bezeugt. Maria wird darin als die rosa mystica, die geheimnisvolle Rose, besungen. Die sprachliche Wurzel des Wortes Mystik liegt im griechischen Verb myein (Adjektiv mystikos), Augen und Lippen schließen. Es deutet auf die Rituale hin, die alle zu durchlaufen hatten, die in die Mysterienkulte eingeweiht wurden. Von dieser Wurzel in den griechischen Mysterienkulten ist freilich in der weiteren abendländischen Tradition, die mit der Mystischen Theologie des syrischen Mönches Dionysius am Ende des 5. und Anfang des 6.Jahrhunderts beginnt, nicht viel geblieben, außer der Grundannahme, dass der Mystiker ein Mensch ist mit der Erfahrung veränderter Bewusstseinszustände, welche durch die Begegnung mit einer anderen, göttlichen Wirklichkeit hervorgerufen werden.

In den theistischen („gottgläubigen“) Religionen wird der veränderte Zustand als unio mystica bezeichnet, als Verschmelzung der Seele mit dem Göttlichen, das als Funke in der Seele jedes Menschen lebt und zu brennendem Feuer wird, wenn der Funke angefacht wird. Eine mystische Gotteserfahrung kennen auch das Judentum im Chassidismus und der Islam im Sufismus.

In den östlichen Religionen Buddhismus, Jainismus und teilweise im Daoismus werden mystische Erfahrungen einer letztendlichen Wirklichkeit ohne Bezug auf eine göttliche Wesenheit formuliert. In der brahmanischen Lehre etwa wird der veränderte Zustand als Vereinigung der einzelnen atmenden Seele, atman (sanskrit) mit brahman, dem Urgrund allen Seins dargestellt. Hier ist Atman das ewige, göttliche Selbst des Menschen, das wesensgleich mit der Weltseele ist und in der Seelenwanderung fortdauert. Atman i s t brahman. Der berühmte Satz aus den Veden: „tat tvam asi“, „das bist du“, fasst eine Grunderfahrung aller Mystik zusammen (3, S. 33/34).



Christliche Mystiker und Mystikerinnen

haben sich selten von der überkommenen historischen Religion abgelöst, sie haben nur den tieferen Sinn der Lehren ihrer Kirchen oder anderen Gemeinschaften verstanden und die in ihnen verkündeten göttlichen Offenbarungen anders angeeignet. Da jedoch die inneren Erfahrungen der Mystiker alle theologischen Lehrgebäude sprengen, waren und sind bis heute Konflikte mit den jeweiligen religiösen Institutionen vorprogrammiert. Die institutionalisierte Religion ist auf Regelhaftigkeit und Ordnung bedacht, auf dogmatischer Absicherung dessen, was man glauben und verkünden darf. Zuviel Gottesliebe und fremdartiges Sprechen von Gott und vor allem die unkanalisierbare Erfahrung Gottes, die das Merkmal der Mystik sind, waren und sind religiösen Institutionen von jeher verdächtig.

Die leider verstorbene evangelische Theologin Dorothee Sölle, verheiratet mit dem ehemaligen Abt einer katholischen Benediktinerabtei, Fulbert Steffensky, plädiert in ihrem bedeutenden Werk: Mystik und Widerstand. „Du stilles Geschrei“ dafür, dass Mystik „demokratisiert“ wird. Damit meint sie, dass wir alle Mystiker sind, dass „die mystische Empfindlichkeit“ in uns allen steckt. Sie fragt, ob es nicht ein Menschenrecht auf die Schau Gottes gebe. Besonders bemerkenswert ist, dass Dorothee Sölle den Gedanken des Zusammenhanges von Mystik und Politik betont, des aktiven Widerstandes gegen die „schreienden“ Ungerechtigkeiten in der Welt. “Mystik ist die Erfahrung der Einheit und der Ganzheit des Lebens. Mystische Lebenswahrnehmung, mystische Schau ist dann auch die unerbittliche Wahrnehmung der Zersplitterung des Lebens. Leiden an der Zersplitterung und sie unerträglich finden, das gehört zur Mystik. Gott zersplittert zu finden in arm und reich, in oben und unten, in krank und gesund, in schwach und mächtig, das ist das Leiden der Mystiker“(3, S. 13/14).

Im Vorwort zu ihrem Buch, das aus einem ehelichen Gespräch besteht, kritisiert vor allem ihr Mann Fulbert Steffensky „eine gewisse Mystikgier der gegenwärtigen religiösen Lage“. Er wendet sich gegen das Begehren des heutigen Menschen, auch in der Gestaltung seiner Frömmigkeit alles jetzt sofort zu erfahren, wie die Teens sofort ein Eis oder ihre Markenschuhe haben wollen – vorbei an der Langsamkeit des Übungsweges, am „Schwarzbrot“ des geduldigen Umganges mit sich selbst. „In dieser Erfahrungssucht wird alles interessant, was plötzlich kommt, unmittelbar und nicht über Institutionen vermittelt ist, was erlebnisorientiert ist und religiöse Sensation bedeutet.“ (3, S. 12)

Aber es gibt keinen „ Instant-Zen-Buddhismus“, wie Aldous Huxley einmal gesagt hat. Es gibt keine Instant-Mystik. Nahezu alle Mystiker künden von der „dunklen Nacht der Seele“, der inneren Trockenheit, dem Gefühl der Gottferne, der Pein der täglichen Übungsarbeit, auch und vor allem, wenn eine ekstatische Gotteserfahrung schon am Beginn ihres Weges stand, sozusagen als göttliches Lockmittel für die totale Hingabe der Seele und des ganzen Lebens. Das Wort von der „Instant-Mystik“ bedeutet nämlich nicht, dass die mystische Erfahrung immer erst am Ende eines langen Weges stehen müsste. Da käme dann leicht der Gedanke auf, dass man sie sich erst verdienen muss bzw. kann. Viele Menschen machen zu irgendeiner Zeit ihres Lebens eine tiefe Erfahrung, die Karlfried Graf Dürckheim „Seinsfühlung“ nennt. Die Frage ist, ob eine solche Erfahrung das Bewusstsein erweitert und wie radikal sie das Leben verändert, um als mystisch bezeichnet zu werden. In den heutigen spirituellen Bewegungen wird weniger von Mystik als von Lichtarbeit gesprochen. Ob beides identisch ist, können wir wohl erst am Ende dieser Reihe mit Porträts von Mystikern aus alter und neuer Zeit sagen.


„...dem schmecken alle Dinge nach Gott“

Der Mönch auf der gotischen Kanzel spricht leidenschaftlich und beschwörend, manchmal wie trunken. Davon, dass die Gottheit in der Seele geboren wird. Dass die Gottheit in der Seele aufgeht. Dass die Seele mit ihrem Allgrund eins wird. Seine Sprache ist von einer oft dunklen Kühnheit, wenn er von der „Wallung“, vom „Ausfluss“ und vom „Überkochen der Gottheit“ spricht. Da redet einer, der es erfahren hat. Die Zuhörer spüren das. Diese Predigten sind voll von Paradoxien und extremen Formulierungen, reich an Bildern und Vergleichen mit Naturvorgängen wie: vom Feuer, welches das Holz „sich selbst, dem Feuer, mehr und mehr gleich“ macht, „bis dass das Feuer sich in das Holz gebiert und ihm seine eigene Natur und sein eigenes Sein übermittelt.“ (Predigt 82). Ein begnadeter Prediger und ein Dichter. Was sich den Zuhörern da offenbart, ist ein anderer Gott, als ihn der kirchliche Klerus bisher verkündet hat, kein Gott, der über seine Schöpfung herrscht, kein Gott, der als personales Gegenüber angesprochen wird, der unveränderlich in seinem Sein ruht. Hier ersteht eine Gottheit, die unaufhörlich „im Fluss“ ist, die ewig aus sich herausfließt und in sich zurückfließt, die, da sie im Jetzt schafft, mit der Schöpfung nicht aufgehört und niemals nicht geschaffen haben kann.

Katholiken und Protestanten, Theisten und Atheisten, Idealisten und Pantheisten berufen sich auf ihn, den größten deutschen Denker des Mittelalters, Theologe, Philosoph, religiöses Genie, auf „Meister Eckhart“ – für viele der christliche Mystiker schlechthin. Er ist in seiner Persönlichkeit wie in seinen Aussagen eher in ein lichtes Dunkel gehüllt. Es gibt kein Bild von ihm und kein handschriftliches Zeugnis. Weder sein Geburtsort noch sein Sterbejahr und Sterbeort stehen eindeutig fest. Doch ist „Meister Eckhart“ wie ein Quell, der durch sieben Jahrhunderte hindurch bis heute Geister und Seelen befruchtet und verstört. Gerade jetzt gewinnt dieser Verkündiger einer „negativen Theologie“, der von der Gottheit spricht als einem „Abgrund des Nichts“ ganz neu an Bedeutung. Denn offenbar ist immer das gleiche Erleben und Erkennen gemeint mit dem buddhistischen bodhi, dem satori im Zen und der unio mystica des Meister Eckart – mit „Erleuchtung“ in unserem heutigen Sprechen.

Als Mitte des 20. Jahrhunderts Daisetz Suzuki den Buddhismus in Europa bekannt machte, schrieb er über die Predigten von Meister Eckhart: „Die darin geäußerten Gedanken waren buddhistischen Vorstellungen so nahe, dass man sie fast mit Bestimmtheit als Ausfluss buddhistischer Spekulation hätte bezeichnen können.“ (Suzuki 1960) In buddhistischen Kulturkreisen wird Eckart oft ein hohes Interesse entgegengebracht. Er dient dadurch als ein Vermittler in einem christlich-buddhistischen Dialog (1).



Denker, Prediger und Führungstalent

Eckhart oder Eckehart von Hochheim, „Meister Eckhart“ genannt, ist um 1260 in einem nicht genau bekannten Ort bei Gotha als Sohn kleiner thüringischer Adeliger geboren. Sehr früh, 1275 oder 1278, also höchstens 18 Jahre alt, vielleicht sogar erst 15, tritt er in Erfurt in den noch jungen, 1217 gegründeten Dominikanerorden ein, der neben dem Franziskanerorden zu den revolutionären Bewegungen der damaligen aufgewühlten Zeiten gehört, welche die Kirche von innen her zu erneuern trachten. Eckhart erhält im Dominikanerorden, der sich als Predigerorden versteht, eine umfassende Bildung mit dem Studium der Künste, der Naturphilosophie, der Theologie und dem fächerübergreifenden, allgemeinbildenden Studium generale. Den Abschluss bildet die Priesterweihe. Die Studien fanden damals an verschiedenen Orten statt – wo gerade gute Lehrer tätig waren.

Eckhart wird 1294 Prior (Oberer) des Erfurter Dominikanerklosters und Vikar seines Ordens in Thüringen. In dieser Zeit entstehen die Reden der Unterweisung. 1302 lehrt er als Magister (eine Art Professor) in Paris. In seinen „Quaestiones parisienses“ („Pariser Fragen“) kann man erstmals bei ihm ein beginnendes Überschreiten der Schultheologie und ihrem Gottesbild erkennen. Er wird 1303 Provinzial (Gebietsoberer) der sächsischen Provinz seines Ordens. Um 1303-1310 leitet er die neugebildete Ordensprovinz Saxonia. In dieser Zeit entstehen u. a. zwei Predigten für die Generalkapitel in Toulouse und Piacenza und auch die „Lektionen“ über Jesus Sirach, 24. Kapitel der Alten Bibel. In diesen Arbeiten entfaltet er seine Anschauungen weiter. 1311-1313 wird er ein zweites Mal Magister in Paris. Nun entstehen die großen lateinischen Traktate (Abhandlungen): die Auslegungen zu den alttestamentlichen Büchern Genesis, Exodus und Weisheit sowie zum Johannesevangelium, dazu ein umfangreiches Werk lateinischer Predigten. 1314 wird er Generalvikar des Dominikanerklosters in Straßburg; 1322 übernimmt er die Leitung des Studium generale in Köln. Dort beginnen 1325 die kirchlichen Anklagen gegen ihn wegen gefährlicher, den Glauben gefährdender Thesen; Mitbrüder denunzierten ihn beim damaligen Kölner Erzbischof. Eine Liste von 49 inkriminierten („beanstandeten“) Sätzen wird 1326 zwar auf 28 reduziert, trotzdem droht Eckart der Scheiterhaufen. Er widerruft 1327 öffentlich, sicherlich weniger aus Mangel an Rückgrat, sondern weil er sich nicht im Gegensatz zur Kirche sieht und sich eins weiß mit dem tieferen Sinn ihrer Lehren.

Vor dem Prozessende 1328 stirbt Meister Eckhart, mit 68 Jahren, entweder auf einer Reise zu seinem Gerichtsherrn Papst Johannes XXII nach Avignon oder erst nach der Rückkehr in Köln. Einige Monate später, am 23. März 1329, werden von den inkriminierten 28 Sätzen 17 durch eine päpstliche Bulle, einem feierlichen päpstlichen Erlass, als ketzerisch (häretisch) verurteilt, der Wortlaut weiterer 11 Thesen als missverständlich (1 und 2).



Rechte und linke Christen im Mittelalter

Dieser große deutsche Denker, Prediger und christliche Mystiker lebte in einer Zeit schwerer politischer, wirtschaftlicher und sozialer Erschütterungen. Westeuropa im Allgemeinen und weite Teile Deutschlands im Besonderen befinden sich in latentem Bürgerkrieg. In den Städten Westeuropas – und sie sind die Orte, wo Eckhart und sein Publikum sich begegnen – kämpfen Bischöfe, Hochadelige, Patrizier, Großbürger, Zünfte, Handwerker und das „Volk“ um die Macht über ihren jeweiligen Stadtstaat, der wieder mit vielen anderen Stadtstaaten kämpft und sich gelegentlich verbündet. Die Kämpfe in Deutschland spielen sich vor einem besonders düsteren Hintergrund ab. Kaiser und Papst haben sich in einem mörderischen zweihundertjährigen Ringen gegenseitig entmachtet. Das „Heilige Reich“ ist eine Ruine. Die Jugendjahre Eckharts fallen in die „kaiserlose, die schreckliche Zeit“, das 17 Jahre währende Interregnum (1256-73), vom Tod Wilhelms von Holland bis zur Wahl Rudolfs von Habsburg. Aber auch die christliche Kirche ist eine Ruine. Das Große Schisma (1378-1417) zieht herauf, wo zwei Päpste gleichzeitig den Primat beanspruchen und sich gegenseitig verdammen werden, einer in Avignon und einer in Rom. Im Schatten der großen Ruinen des Reiches und der Kirche wachsen, rücksichtslos kämpfend nach allen Seiten, als kleine Reiche die Städte empor. Gerade in den rheinischen Städten, also Eckharts Wirkzentren, manifestiert sich ein massiver politischer Widerstand gegen „Rom“, vor allem gegen die päpstliche Steuerpolitik. Durch die machtpolitischen Kämpfe kommt es immer öfter vor, dass eine Stadt jahre-, ja, jahrzehntelang von ihrem Bischof oder vom Papst mit dem Kirchenbann, dem Interdikt belegt wird, das heißt, dem Klerus wird unter Strafe verboten, die Messe zu zelebrieren, Gottesdienste abzuhalten, Sakramente zu spenden.

Es gab auch damals schon „rechte“ und „linke“ Christen, kirchentreue Konformisten und Nonkonformisten, welche die Heils-Verwaltung der Kirche ablehnten. Beiden sah Eckhart sich gegenüber. Die „rechten“ Christen litten schwer unter dem Entzug der Sakramente, vor allem der Lossprechung von den Sünden durch Beichte und Buße, was in den wirren Zeiten und bei der damaligen religiösen Mentalität als besonders schwer empfunden wurde. Die „linken“, die religiösen Nonkonformisten standen dem Anspruch der Kirche, das sie notwendig sei, das Heil zu vermitteln und die Beziehung zu Gott herzustellen, zumindest kritisch, wenn nicht ablehnend gegenüber.

Viele religiöse Menschen suchten Zuflucht im „inneren Reich“. Schon zweihundert Jahre vor Eckhart hatten sich in den Ruinen des Großreiches und der Großkirche zahlreiche kleine Gruppen und Kreise von Menschen „angesiedelt“, die sich als „Brüder“ und „Schwestern“ um ein eigenständiges religiöses Leben bemühten, das von Liebe in hasserfüllter Zeit geprägt war, innerer Freiheit inmitten von Unterdrückung, innerem Frieden in all den Kriegen. Hundertfünfzig Jahre vor Eckharts Predigten in Köln wetterte Bernhard von Clairvaux gegen das „lichtscheue Gesindel“, das sich in Vorstädten und Kellern zu geheimen religiösen Zusammenkünften traf, diese „Ketzer“, gegen die er machtlos war. Das deutsche Wort „Ketzer“ ist hergeleitet von der (griechischen) Bezeichnung „Katharer“, einer außerkirchlichen Gruppierung, die sich die „Reinen“ nannten. Es gibt viele andere Vereinigungen, rechts- und linksradikale Bewegungen, deren Strom mehr und mehr anschwillt und hinausströmt aus einer Kirche, die den Menschen keine religiöse Führung, keinen Trost und Halt in all der gesellschaftlichen und seelisch-geistigen Zerrüttung mehr geben kann.

Meister Eckhart gehört als Dominikaner in der Frühzeit seines Ordens zur revolutionären Intelligenz Europas, „die wahrhaft maßlos und unersättlich, im Sturm ihres Optimismus und jugendlichen Elans alle Weisheit der Welt und aller Zeiten hereinbergen wollte in die allkommunizierende Weite einer Katholizität.“(2, S. 11) Der Begriff kommt vom griechischen „catholon“, zu deutsch: allumfassend.



Seelsorger der monastischen Frauenbewegung

Eckhart ist auch Seelsorger der deutschen monastischen Frauenbewegung. Wir können uns heute kaum noch vorstellen, was es bedeutete, dass er in Köln nicht nur vor dem weiblichen Zweig seines Ordens, den Dominikanerinnen predigte, sondern auch vor Zistersienserinnen und Benediktinerinnen. Wir können uns auch kaum noch seine im Ganzen prekäre Lage vorstellen: die Bespitzelung durch die kirchlichen Inquisitoren, die Gefahr, bei seinen oft extremen Formulierungen missverstanden und denunziert zu werden. Sind seine Zuhörer nicht Ketzer, die sich zum Inneren Reich bekennen, zur Begegnung und Vermählung mit Gott im eigenen Herzen, unter Verachtung der „äußeren“ Kirchen und Reiche? Ist er nicht selber ein Ketzer, so wie er sich ausdrückt?

Dieser Mann wollte die Menschen aus ihrer Seelen- und Gewissensnot herausführen und ihnen zeigen, wie sie inmitten einer mörderischen Zeit „gelassen“ leben können, in Freude, Frieden, eins mit dem inneren Gott – indem sie die Welt und die Zeit übersteigen. Nach Friedrich Heer ist Eckhart als Prediger und als Denker von hier aus zu verstehen. Im Sog ihrer, der Menschen Angst, bedrängt durch ihre Seelen- und Geistesnot, und oft auch ihre soziale und körperliche, wagt Eckhart „das Abenteuer seines Geistesfluges“, den Gang am Abgrund entlang (2, S. 7-12).

Die Zeit, in der Eckhart lebte (1260-1328) war eine Epoche religiösen Suchens, wie es sie kaum ein zweites Mal in der Menschheitsgeschichte gegeben hat, sagt Willigis Jäger (4b). In den vielen Klöstern und ordensähnlichen religiösen Gemeinschaften wurde das kontemplative Gebet eifrig gepflegt. Die meisten Gemeinschaften hatten extreme asketische Praktiken, Kasteiungen aller Art waren an der Tagesordnung, Fasten, Wachen, härene Hemden tragen, hart liegen. Eckhart wollte die Menschen vor dieser selbstzerstörerischen äußeren Askese bewahren und für einen geistigen, inneren Wandel gewinnen – wir würden heute sagen, für eine Bewusstseinserweiterung.

Eckhart und das Ur-Eine

Der Begriff Gottheit spielt in Eckarts Predigten eine wichtige Rolle. Eckart hat die christlich-theologische Lehre vom personalen, dreieinigen Gott, der die Welt in einem Akt geschaffen hat, der dem Menschen und seinen Geschöpfen ein Gegenüber ist, Geschöpfen, die ihm ähnlich, aber nicht wesensgleich sind, verwandelt in seine Lehre vom Ur-Einen. Eckarts Theologie ist eine „negative Theologie“, das heißt: die Gottheit lässt sich nicht in Begriffen fassen, etwa in denen von Sein und Wesen, es lässt sich nicht sagen, was sie ist und wie sie ist; es lässt sich nur sagen, was sie nicht ist. So bezeichnet Eckart die Gottheit als Nicht-Gott, Nicht-Person, Nicht-Geist, Nicht-Bild. Er spricht vom verborgenen Dunkel der Gottheit, die unerkannt ist und war und nie erkannt werden wird. Er spricht vom „Abgrund des Nichts“, davon, dass die Gottheit ohne personhafte Eigenheit ist, ohne Eigenschaften und ohne Namen. Es „gibt“ sie nicht, so wie es Lebewesen und Dinge „gibt“. Es ist ein lauteres, reines, klares Eines, abgesondert von aller Zweiheit. Das verborgene Dunkel ist endlos, unermesslich und unbegreiflich für das kreatürliche Denken. „Und in diesem Einen sollen wir ewig versinken vom Etwas zum Nichts“. In der „negativen Theologie“ Eckarts ist Gott über allem Erkennen. Er ist sogar über dem „Sein“. „Sage ich ferner: Gott ist ein Sein – es ist nicht wahr; er ist (vielmehr) ein überseiendes Sein und eine überseiende Nichtheit ( Predigt 42).

Solche paradoxen, schwer verständlichen Formulierungen sollen ausdrücken, dass das kreatürliche Denken im Grunde nichts wirklich Wahres über „das Eine“ aussagen kann, jedenfalls nicht in der Art der scholastischen Theologie, der Schultheologie des Mittelalters, die bis heute Grundlage der kirchlichen Lehren bildet. Vorstellungen, Begriffe, Namen, Aufteilungen, ein Katalog der Eigenschaften Gottes (wie z. B. Allmacht, Allgegenwart) verhindert wahre Erkenntnis sowohl Gottes als auch der Welt und verhindert menschliche Selbsterkenntnis.

Die Gottheit hat nach Eckhart die Welt erschaffen in der Weise, dass er sie immer und ohne Unterlass erschafft. Er kann mit der Schöpfung weder angefangen noch damit aufgehört haben. Er kann niemals nicht geschaffen haben. Es gibt aber auch kein „Werden“ im Sinne von Zukunft. Eckharts Reden in Paradoxien kommt besonders markant zum Ausdruck in dem Ausspruch: „Es gibt da kein Werden, sondern ein Nun, ein Werden ohne Werden, ein Neusein ohne Erneuerung, und dieses Werden ist Gottes Sein.“ (Predigt 50) Eckarts Gottesbild ist die „Dynamik des ewig aus sich fließenden und in sich zurückfließenden Gottes.“ (Norbert Winkler bei 1)

Eine der wichtigsten Aussagen Eckharts, die ihn mit den von griechischem Denken beeinflussten Strömungen im frühen Christentum (Plotin) verbindet ebenso wie mit neuzeitlicher Mystik wie der von Pater Willigis Jäger (LF Nr.19), ist die ontologische Gleichheit von Gott und Schöpfung. Das bedeutet: Wir sind keine Abbilder des göttlichen Urbildes, unvollkommen und nur mit Hilfe der göttlichen Gnade zu einer – relativen – Vollkommenheit fähig; wir sind mit der Gottheit identisch. Wer sich einigermaßen in der christlichen Dogmatik auskennt weiß, dass dies eine revolutionäre Aussage ist, die zum Konflikt mit den verfassten Kirchen führen muss, weil sie die Notwendigkeit von Heilsvermittlung infrage stellt. Die Lehre Eckharts von der Gottgleichheit der Geschöpfe geht so weit, dass die Welt und auch die Kreatur des Menschen in der Welt nicht real und an sich existieren. Die Phänomene der Welt quellen von Augenblick zu Augenblick zeitlos aus jeder Einzelseele hervor, in deren Urgrund sich das göttliche Eine befindet. Das göttliche Eine gebiert sich in die Einzelseele hinein, und alles weltliche Sein ist miteinander verbunden und ununterscheidbar eins mit dem All-Einen.
„Hier (im ´einigen Einen´) sind alle Grasblättlein und Holz und Stein und alle Dinge Eines“, sagt Eckart (Predigt 24).

Die Gottgeburt in der Seele wird nicht im Sinne einer mystischen Entrückung verstanden, sondern so, dass Gott seinen Sohn ohne Unterlass im Menschen gebiert und nur so in der Welt gegenwärtig sein kann. Es gibt keinen anderen Ort der Offenbarung Gottes als die mit Bewusstsein ausgestattete Menschenseele. Und warum gebiert sich Gott in die Menschenseele hinein? Eckharts Antwort: „Darum, dass ich als derselbe Gott geboren werde:“ Es ist ein ständiges Ausfließen der Gottheit in die Seele hinein und das Rückfließen der Gottheit als „homo divinus“, als göttlicher Mensch in den Urgrund zurück.

Sweet spot

Für die Gottesgeburt in der Seele muss der Mensch „Gelassenheit“ gewinnen, er muss „lassen“. Er muss alle unwahren und unwirklichen Denk- und Handlungsstrukturen abstreifen, alles, was ihm vorgaukelt, es gäbe Zweiheit. Er muss sogar das Sehnen nach Gott und das Suchen nach Gott aufgeben und erst recht den Versuch, Gott zu erkennen. Der Mensch solle seine Sehnsucht sogar vor Gott verbergen. „Das ist eine verwirrende Aussage. Gemeint ist aber lediglich, dass die ´Gottgeburt´(Erfahrung Gottes) nur eintreten kann, wenn man die seelischen Kräfte, die in der Scholastik mit Verstand, Gedächtnis und Wille bezeichnet wurden, hinter sich lässt und in ein reines Gewahres eintritt“, sagt Willigis Jäger (4b, S.18)

So ist die ganze Schöpfung eine ständige dynamische Selbstentfaltung der Gottheit und der Mensch eine göttliche Manifestation. Seine Seele ist keine individuelle, immaterielle Substanz, die neben oder in dem Sein einer Natur existiert. Sie ist sozusagen aus genau dem gleichen „Stoff“ wie Gott, so wie die Welle das Meer ist. Die Welle bildet den Ozean nicht ab, sondern der Ozean drückt sich in dem Moment als diese bestimmte Welle aus, die dann wieder in den Ozean zurück fließt und mit ihm eins ist. Wir alle, Sie und ich, wir bilden Gott nicht ab, Gott wohnt nicht in uns mit einem eigenen Sein, sondern Sie und ich, wir existieren ALS Gott, die Gottheit möchte sich im „Moment“ unserer individuellen Existenz so und so ausdrücken und sich dadurch selber erkennen und sich erfahren. (4a)

Gerade deshalb kann von asketischer Weltflucht keine Rede sein. „Gelassenheit“ bedeutet etwas ganz anderes als „Ruhe“ und „Lassen“ etwas anderes als Meiden. „Die Welt lassen“ heißt, die Dualität lassen, wie wir heute sagen würden. Der Mensch darf nach Eckhart gar nicht passiv und weltabgewandt, sondern er muss im höchsten Masse aktiv sein wie Gott, der reine Aktivität ist, Fluss, Bewegung. Der Mensch muss aus dem Gott in sich und als Gott im Außen aus seiner Göttlichkeit heraus tätig werden. „Was ist mein Leben?“ fragt Eckhart. „Was von innen heraus bewegt wird.“(Predigt 5a). Der Mensch setzt mit jeder seiner Handlungen die Gottheit gegenwärtig. Wie die dynamische Welle das bewegte Meer (4a).

Die ethischen Folgerungen ergeben sich von selbst. In wessen Seele die Gottesgeburt stattgefunden hat, der ist moralisch autonom, er braucht keine Gebote und Verbote. Er ist eins mit dem „Willen Gottes“. Es gibt bei Eckhart wohl den Begriff „Sünde“, aber nur in dem ursprünglichen Wortsinn der „Sonderung“, nämlich als Abkehr von Gott. Dafür straft Gott ihn jedoch nicht. Wir würden heute sagen: es handelt sich um einen Mangel an Bewusstsein.

„Das Lassen oder Loslassen hat nichts mit einem Willensakt zu tun. Willentlich kann man nicht lassen. Man muss gleichsam in sich selbst einkehren, bis auch der Wille in der Abgeschiedenheit untergeht“, sagt Willigis Jäger (4b). Die „Abgeschiedenheit“ ist kein räumlicher Rückzug in die Einsamkeit, es ist vielmehr die innere Abgeschiedenheit von Vorstellungen und Konzepten. Es ist die Armut „im Geiste“, die Jesus in der Bergpredigt meint (Matthäus 5,3 ) Der Weg dahin ist die Übung der Kontemplation.

Der wahrhaft mystische Mensch hat das Streben nach „Erleuchtung“ ebenso aufgegeben wie den Hunger nach Ekstase. Das Streben. Denn wer Gott im Sein hat, sagt Eckart, „dem schmecken alle Dinge nach Gott.“ Es fällt einem hier das Wort vom „Sweet spot“ ein, das die Engelwesenheit KRYON des öfteren in seinen Channelings verwendet. Vollkommen im „Nun“ dessen aufzugehen, wer wir sind und wozu wir hier sind, ist süß.

1.Exzellenter Internet-Artikel über Leben und Werk des Meister Eckhart Wikipedia, freie Enzyklopädie,
http://de.wikipedia.org/Wiki/Meister Eckhart, Stand 09.08.07.
2. Eckhart. Predigten und Schriften. Ausgewählt und eingeleitet von Friedrich Heer.
3. Dorothee Sölle: Mystik und Widerstand. „Du stilles Geschrei“.
4. Willigis Jäger: (a) Die Welle ist das Meer. Mystische Spiritualität; (b) Hinführung zur Kontemplation durch die
großen abendländischen Mystiker. Internet: http://www3.rpi_virtuell.net/home/mystik.




 
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