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Autor: Christa Falk
erschienen: 15.04.2007
Herausgeber: Elraanis Verlag
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SRI AUROBINDO und DIE MUTTER

Teil 1: Vorläufer der Neuen Zeit

„Gott ist unendliche Möglichkeit. Deshalb ist die Wahrheit dynamisch und der Irrtum ihrer Kinder immer gerechtfertigt.“

„Es ist nicht unsere Aufgabe, ewig zu wiederholen, was immer schon getan wurde; unsere Aufgabe besteht darin, Neues zu verwirklichen und noch ungeträumte Meisterschaften zu erlangen...“

Sri Aurobindo, Thoughts and Glimpses
Pondicherry 1971



Verwirklichung von etwas vollkommen Neuem

In diesen wenigen Worten liegt wie ein Same Sri Aurobindos ganze Anschauung, aus dem der mächtige Baum seines Lebenswerkes erwachsen sollte: die Verwirklichung von etwas vollkommen Neuem, noch nie da Gewesenem.
Als Sri Aurobindo am 15. August 1872, genau mittags 12.00 Uhr, in Calcutta geboren wurde, betrat eines jener seltenen Wesen die Bühne dieser Welt, das die Menschheit in ihrer Entwicklung um einen Quantensprung vorwärts bringen würde. „Avatar“ nennen die Inder so jemanden.
„Der Avatar ist eine direkte Herabkunft des Göttlichen in einen menschlichen Körper zu dem Zwecke, eine neue Evolutionsstufe der Menschheit einzuleiten...“ – so Sri Aurobindos eigene Definition dieses „Titels“. Er war der Avatar der Neuen Zeit, auf die wir uns heute immer spürbarer zu bewegen. Wenn wir nach 2012 den Aufstieg der Erde in die 5. Dimension erwarten, so war es auch dieser Mann, der die Voraussetzungen dafür schuf. Es muss immer eine Seele, wenigstens eine, auf der Erde geben, die kühn genug ist, sich etwas vorzustellen und von etwas zu träumen, das es bisher noch nicht gab, um es hier Wirklichkeit werden zu lassen.
Sri Aurobindo träumte nicht nur, er fasste mit all seiner enormen Geisteskraft einen ganz neuen Menschen als Realität fest ins Auge. Er nannte ihn den supramentalen Menschen – den, der nach dem mentalen Menschen kommt, der wir bislang waren. Eine neue Evolutionsstufe also – ein Mensch, der anders sein würde, nicht mehr vom Kopf (dem Mentalen) und seinen Emotionen bestimmt, sondern von seiner Seele, dem Göttlichen in ihm. Diese Seele würde sich bis in die Körperzellen hin in ihm „ausbreiten“ und schließlich einen neuen Menschen mit einer veränderten DNS und einem neuen körperlichen Erscheinungsbild hervorbringen.
(Heute konstatieren wir vermehrt solche Veränderungen an unseren Kristall- und Indigo-Kindern.) Welche weitreichenden Folgen dies für das gesamte Leben auf der Erde haben würde, das hat er in seinen vielen Werken dargelegt.
Doch heben wir uns das für später auf, und kehren wir zu den Anfängen zurück.




Geschichte

Als Aurobindo in Indien geboren wurde, beherrschten die Engländer sein Heimatland. Die gebildete Schicht der Inder, in die Aurobindo hineingeboren wurde, war größtenteils anglophil (in alles Englische vernarrt). Sein Vater, ein Arzt, wollte seine Kinder unbedingt englisch erziehen lassen. So mussten Aravinda und sein Bruder schon sehr früh als Kinder ihr Elternhaus und ihre Heimat verlassen, um sich in England „erziehen“ zu lassen.
Sie erfuhren dort Armut und Hunger, doch auch Förderung. Denn begabt, wie sie waren, durchliefen sie die gesamte schulische und akademische Laufbahn mit Leichtigkeit, Glanz und Glorie. Aurobindo durfte dann mit 20 nach Indien zurückkehren. Die harte Kindheit und Jugend in England hatte jedoch die gute Seite, dass sie den unersättlich wissbegierigen Aurobindo mit der gesamten abendländischen Kultur vertraut machte. Er kannte nicht nur Shakespeare, sondern auch Voltaire und Goethe. Er war ein hervorragender Lateiner und sprach natürlich nicht nur Englisch, sondern las auch Französisch und Deutsch. Er hatte sich bereits den gesamten „geistigen Westen“ einverleibt, als er sich nach Indien einschiffte, um nun dort in einem intellektuellen Schnellverfahren die indische Sprache und Kultur zu assimilieren – denn er kannte sie ja nicht.
Genau dies jedoch erwies sich als die geeignete Schulung für das, was er zu leisten hatte: nämlich die Synthese aus West und Ost – aus der westlichen Sicht der Welt und der indischen Spiritualität; aus der Zuwendung des Westens zu der äußeren Welt und der Zuwendung des Ostens zu der inneren Welt im Menschen.
Die Vereinigung dieser beiden, die er schließlich zustande brachte, ist beispiellos. Sie umfasst wirklich alle Bereiche des Lebens und alle Seiten des Menschseins und konnte deshalb die Grundlage für die neue Evolutionsstufe bilden, die er selbst initiieren würde. Sein JA zu allem, was war und was ist, sein Verständnis für jeden noch so sonderbaren Um- und Nebenweg, den die Geschichte genommen hat, seine Vorurteilslosigkeit, seine intellektuelle Redlichkeit und die unendliche Liebe, die daraus spricht, gehören zum Hervorstechendsten, was einem auffällt, wenn man sich mit seinen Schriften befasst. Von ihm kann gelernt werden, fair mit einem „Gegenstandpunkt“ umzugehen und wie man durch gegenseitige Akzeptanz zum Fortschritt gelangt. Er sagte einmal, wir sollten dahin kommen, jegliches Nein zu eliminieren, um Gottes unendliches JA zu begreifen. Die Vereinigung der Gegensätze – das war Sri Aurobindos großes Thema.
Es nahm verschiedene Formen an: zuerst eine politische, indem er für die Einigung und Unabhängigkeit seines Landes Indien kämpfte. Dann begann sich folgerichtig die Idee einer geeinten Menschheit herauszukristallisieren. Am Schluss sollte es die Einheit im Menschen selbst sein, die diesen über sich selbst hinausheben würde.

Und es gab noch jemanden, der auch von einer geeinten Menschheit träumte, darüber nachdachte und schrieb. Das war eine junge Frau, Mira Alfassa, in Paris – auf der anderen Seite des Globus. Als Tochter eines türkischen Bankiers und seiner ägyptischen Frau, Nachfahrin der Pharaonen, war sie 1878, 6 Jahre nach Sri Aurobindo, in Paris zur Welt gekommen. Sie wuchs in der großbürgerlichen und völlig atheistischen Atmosphäre ihres Elternhauses auf, beschäftigte sich mit Kunst, Literatur und Musik und war die erste Frau, die als Studentin der Malerei an der Pariser Akademie zugelassen wurde. – Hier das Kinderbild von Mutter.
Ihre damaligen Werke spiegeln den Geist der Zeit, der den Impressionismus hervorbrachte. Sie verkehrte in den Kreisen dieser Maler und heiratete auch einen von ihnen. Obwohl außerordentlich talentiert, verfolgte Mira diesen Weg nicht bis zu Ende; denn all ihre vielseitigen künstlerischen Betätigungen schienen ihr nicht mehr als „Fingerübungen“ zu sein für etwas, das sie wirklich interessierte und erforschte. Und das hatte mehr mit dem Leben selber zu tun, mit dessen Gesetzmäßigkeiten, die sich ihr durch Einsichten, Experimente und Visionen enthüllten. Schon als kleines Kind hatte sie solche gehabt, jedoch schnell gelernt, sie vor ihrer Mutter, die nur die materiellen Dinge gelten ließ, zu verbergen. Ihren Forscherdrang aber ließ sie sich nicht nehmen. Er führte sie bis nach Algerien zu einem damals berühmten „Okkultisten“, von dem sie sich so lange unterrichten ließ, bis sie erkannt hatte, dass Manipulation – wie auch immer geartet – nicht der Weg sein konnte. Zurück in Paris, ging sie die Sache mehr von einem philosophischen Standpunkt aus an. Sie gründete eine Gruppe, in der sich Intellektuelle trafen, um gemeinsam nachzudenken und sich auszutauschen. Das Gefühl dieser Menschen, an einer Zeitenwende zu stehen, war stark. Man muss sich vergegenwärtigen, dass zu jener Zeit wirklich große Umwälzungen bevorstanden: die russische Revolution und der 1. Weltkrieg, um nur zwei zu nennen, die Europa völlig verändert zurücklassen würden. Die alte Welt wurde aus ihren Angeln gehoben. Wache Menschen spürten, dass eine neue Welt entstehen wollte. Und Mira Richards (so hieß sie nach einer zweiten Heirat) Zirkel gehörte zu den Vorreitern, die die Sache bis zu Ende dachten: Das Ideal einer geeinten Menschheit stand ihnen klar vor Augen. Was Wunder, dass die Pariser Denker mit dem Denker in Indien in Kontakt kamen: Gleiches zieht Gleiches an – und sei es auch noch so fern!


In Indien

Die Richards reisten nach Asien und trafen 1914 zum ersten Mal mit Sri Aurobindo zusammen. Sri Aurobindos Leben hatte da schon eine abrupte Wende genommen und ihn nach Pondicherry, der einzigen französischen Enklave im ansonsten englisch besetzten Indien, südlich von Madras geführt. Hier war er vor den Zugriffen der Engländer sicher. Denn für diese war er ein gefährlicher Staatsfeind.
Als der junge Mann in sein Heimatland zurückgekehrt war und sich nicht dem englischen Staatsdienst eingefügt hatte, sondern sein Brot als Sekretär eines indischen Fürsten und als Schulleiter verdiente, galt sein ganzes Interesse der Befreiung Indiens von der englischen Besatzungsmacht. Er gab eine nationalistische Zeitschrift heraus und organisierte den Widerstand. Mit glühenden Worten versuchte er, das nationale Selbstwertgefühl seiner Landsleute zu wecken, den Stolz und die Liebe für ihr Land, „Mother India“.
Als Terroristen Engländer ermordeten, versuchten die englischen Behörden, Sri Aurobindo diese Tat anzulasten. Sie warfen ihn ins Gefängnis von Alipur. Und dort, in seiner Einzelhaft, hatte er die entscheidende Begegnung seines Lebens: die direkte Erfahrung Gottes, die Realisation des Nirwana-Zustandes, wie es in der indischen Mystik heißt. Doch darüber hinaus wies Gott ihn an, alle politische Tätigkeit aufzugeben und sich der Aufgabe zu widmen, die er wirklich für ihn vorgesehen hatte. Das fiel Aurobindo nicht leicht, denn er hing an seiner politischen Tätigkeit. Doch konnte er mit seiner im Gefängnis neu gewonnenen Schau – wie er später über diese Zeit berichtete – sehen, dass sein geliebtes Land frei sein würde, und das gab ihm den Frieden, sich seiner eigentlichen Lebensaufgabe zu widmen.
Außerdem, so schreibt er, habe er inzwischen gelernt, dieser Stimme in ihm sofort zu gehorchen, denn sie führe ihn sicher. Und so kam er durch ihre Führung und die außergewöhnlichen Bemühungen eines glänzenden Anwalts frei und entzog sich einem erneuten Zugriff der Engländer durch die Flucht nach Pondicherry , indem er ihr wieder sofort und fraglos Folge leistete, als sie ihn aufforderte, alles stehen und liegen zu lassen und das nächste Schiff nach Pondicherry zu besteigen.
Ein paar seiner engsten Vertrauten folgten ihm dorthin nach und wurden zu seinen ersten Schülern auf dem neuen Weg. Sie führten ein äußerlich kärgliches und innerlich reiches Leben in diesen ersten Jahren in Pondicherry. Aus den Erinnerungen seiner Schüler, die als Evening Talks und Talks with Sri Aurobindo bekannt sind, erfährt man, welch anregender Kreis das gewesen sein muss – mit Sri Aurbindo und seinem Tiefgang, Witz und Humor in seiner Mitte! Aus diesen Werken und den Letters on Yoga (Briefe über den Yoga), der umfangreichen Korrespondenz, die Sri Aurobindo mit Schülern in der ganzen Welt führte, erfährt man viel über den Menschen, Freund und Lehrer, der er war.

Als Mira Alfassa und Sri Aurobindo 1914 zusammentrafen, „erkannten“ sie sich augenblicklich, und es war Mira klar, dass ihr Platz an Sri Aurobindos Seite sein würde. Schon in den Visionen ihrer Kinderzeit hatte sie ihn immer gesehen. Er war derjenige, der sie dort belehrt hatte. Und sie hatte ihm – ohne zu wissen warum und auch ohne Kenntnis der indischen Götterwelt - den Namen Krishna gegeben.(Wenige Jahre später, 1926, realisierte Sri Aurobindo in sich das Krishna-Bewusstsein.) In ihr Tagebuch schrieb sie über jenen Augenblick: „Dass dieses Wesen auf der Erde ist, ist Beweis genug und Garantie dafür, dass sich die noch herrschende Unbewusstheit eines Tages in Licht verwandeln wird.“
Und Sri Aurobindo sagte später zu seinem Bruder: „Das war das erste Mal, dass ich erkannte, dass vollkommene Hingabe bis in die letzte Körperzelle menschenmöglich ist; es war, als die Mutter kam und sich verneigte, dass ich diese vollkommene Hingabe in Aktion erlebte.“
Es war beiden klar, dass sie ein- und dieselbe Aufgabe hatten. Doch es mussten noch die Jahre des 1. Weltkriegs vorübergehen, bis Mira, die diese Zeit in Japan verbrachte, 1920 endgültig nach Pondicherry zu Sri Aurobindo kam, um mit ihm zusammen den neuen Weg der Synthese – den sie den Integralen Yoga nannten – zu ergründen und zu etablieren.




Literatur

Das Gesamtwerk von Sri Aurobindo ist unter der Bezeichnung Centenary Edition 1972 vom Sri Aurobindo Ashram in Pondicherry, Indien, herausgegeben worden.
Wer Englisch lesen kann, sollte Sri Aurobindo auf jeden Fall im Original lesen. Meines Erachtens ist bislang keine ihm adäquate deutsche Übersetzung erschienen; alle lassen die Weite und den unorthodoxen Geist dieses „spirituellen Genies“ vermissen.
Zur Einführung aber sind noch immer die 1967 erschienene rowohlt-Monografie über ihn und das Werk: Der Integrale Yoga, ebenfalls rowohlt (rowohlts Klassiker), Hamburg, zu empfehlen.
Die philosophischen Hauptwerke, wie Das Göttliche Leben oder Die Synthese des Yoga, Essays über die Gita, Das Ideal einer geeinten Menschheit sind im Verlag Hinder + Deelmann auf Deutsch erschienen.
Auch Mutters Werke sind original im Ashram in Pondicherry erschienen, bis auf ihre Agenda, die in französischer Sprache verfasst ist und in Paris veröffentlicht wurde (davon später mehr).



 
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