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Autor: Dr. Sonja Ulrike Klug
erschienen: 03.03.2003
Herausgeber: Elraanis Verlag
 

Kathedrale von Chartres

Abb. 1: Das Königs- oder Westportal mit der berühmten Fensterrose

Das Heilige Zentrum und das Labyrinth aus der Sicht der Heiligen Geometrie

Die bedeutendsten gotischen Kathedralen des europäischen Festlandes befinden sich in Frankreich in einem Umkreis von 250 Kilometer rund um Paris. Nicht weniger als 150 Kirchen – davon 20 große Kathedralen wie Reims, Notre Dame de Paris, Rouen und St. Denis – sind hier innerhalb von gerade einmal 100 Jahren im 12./13. Jahrhundert entstanden. Noch heute registrieren wir mit Erstaunen die unglaubliche Schaffenskraft und das geradezu aus dem Nichts aufgekommene architektonische Know-how der Menschen des Mittelalters, das wahrscheinlich auf die Templer zurückgeht. Eine der ersten und schönsten gotischen Kathedralen Frankreichs ist Chartres, etwa 90 Kilometer südwestlich von Paris gelegen.

Chartres gibt viele Rätsel auf. Seine Geschichte läßt sich bis in keltische Zeiten zurückverfolgen, als der sakrale Ort wahrscheinlich schon als bedeutendes druidisches Heiligtum diente. Über einem Hügel aus Granit, der aus der Kalksteinebene der Beauce herausragt, wurde ein Dolmen und ein Brunnen errichtet, dessen Wasser heilende Kraft gehabt haben soll.

Anfang des 4. Jahrhunderts hatte Chartres wahrscheinlich seine erste Bischofskirche. In verschiedenen Schriften wird ein Gebäude erwähnt, das zum ersten Mal 743 und zum zweiten Mal 858 im Feuer aufging. Insgesamt brannte die Kirche 13 mal in 350 Jahren nieder. Einer der verheerendsten Brände war derjenige, der im Juni 1194 einen Großteil der Stadt, den Bischofspalast und fast die gesamte Kathedrale vernichtete. Danach entstand zwischen 1194 und 1220 auf den Trümmern der romanischen Kirche die gotische Kathedrale, wie wir sie heute kennen. Sie blieb seit damals im Wesentlichen verschont von Bränden, Kriegen und anderen Katastrophen, ähnlich wie der Ort Chartres selbst.
Im Mittelalter war die Kathedrale eine der bedeutenden Pilgerstätten des Abendlandes, nicht zuletzt aufgrund der heilenden Käfte, die vom Brunnen in der Krypta ausgegangen sein sollen.
Kurioserweise sind die Baupläne und -skizzen der Kathedrale niemals gefunden worden, und der Baumeister selbst – obwohl Lehrmeister für nahezu alle späteren gotischen Architekten Europas – ist ein Unbekannter geblieben. So kommt es, daß viele Fragen trotz einiger geometrischer und geomantischer Vermessungen bis heute unbeantwortet geblieben sind. Offen ist z.B. die Frage, wo sich das Heilige Zentrum der Kirche befindet, an dem ursprünglich einmal der Altar gestanden hat, und warum die Vierung der Kathedrale rechteckig anstatt, wie bei sakralen Bauten infolge der Ostung zwingend erforderlich, quadratisch ist. Überhaupt ist unklar, wieso die Kathedrale so monumentale Ausmaße hat, obwohl Chartres im Mittelalter nur ein Marktflecken mit einigen tausend Einwohnern war. Neue Erkenntnisse und Antworten ergeben sich durch die Anwendung der Heiligen Geometrie auf das Bauwerk.


Die Blume des Lebens

Die Blume des Lebens und das Heilige Zentrum

Die Blume des Lebens – dieses geometrische Urmuster aus 19 konzentrisch angeordneten Kreisen, das nicht nur zwei-, sondern auch dreidimensional und im Prinzip unendlich weiter fortführbar zu denken ist – entspricht dem Schöpfungs- bzw. Entstehungsprozeß von Mineralien, Pflanzen, Tieren und Menschen. Es findet sich verborgen auch im Grundriß der Kathedrale von Chartres. Seit langem ist bekannt, daß in den Grundriß drei gleichseitige Dreiecke passen, so daß sich die Größe der Blume bzw. die Größe ihrer einzelnen Kreise von daher klar ableiten läßt.


Auf der Grundrißzeichnung (Abb. 2 nächste Seite) erkennt man, daß der innerste Kreis der Blume, der für Gott steht, genau die Vierung – also das „Herzstück“ dieser wie auch jeder anderen Kathedrale – umfaßt. Das untere Ende dieses inneren Kreises durchschneidet ganz genau die Mitte des berühmten Labyrinths, und das obere Ende eben dieses Kreises markiert analog dazu eine weitere wichtige Stelle, die auf der Zeichnung als dicker schwarzer Punkt gekennzeichnet ist. Insgesamt zeigt die Abbildung, wie harmonisch der gesamte Bau gegliedert ist. Diese harmonische und harmonikale Gliederung wollen wir uns jetzt näher anschauen.

Der dicke schwarze Punkt am oberen Ende des innersten Kreises, im Grundriß unregelmäßig zwischen dem ersten und zweiten Pfeiler des Chors gelegen, markiert den von mir als Heiliges Zentrum identifizierten Ort – also jene Stelle, an der sich in früheren Zeiten der Altar und in der darunter liegenden Krypta wahrscheinlich ebenfalls der Heilige Brunnen Puits des Saints Forts befunden hat. Es handelt sich um einen Ort außergewöhnlich hoher energetischer Ausstrahlung.

Dies wird indirekt von Blanche Merz bestätigt, die in der Zone des Chors in unmittelbarer Nähe des Zentrums zwischen dem zweiten und vierten Pfeiler eine extrem hohe Strahlung von 11.000 Bovis gemessen hat. Die hohe Strahlung, die an „durchschnittlichen“ Orten nur 6500 Bovis beträgt, weist darauf hin, daß dieser Bereich dazu geeignet ist, einen Körper energetisch aufzuladen.

Von der geomantischen zurück zur geometrischen Betrachtung: Auf den ersten Blick könnte der von mir anhand der Blume des Lebens ausgemachte Ort nur „zufällig“ und nicht das Heilige Zentrum sein. Allerdings gibt es noch einen weiteren geometrischen Beleg, daß es sich um das Heilige Zentrum handeln muß:
Schlägt man um den ermittelten Ort einen Kreis, dessen Radius r genau bis zur Mitte der Vierung bzw. zum Kreuzungspunkt der vier umliegenden Pfeiler reicht, so zeigt sich eine erstaunliche harmonikale Gliederung des gesamten Kirchenschiffs.
Wie aus der folgenden Abbildung ersichtlich, ist der Radius dieses Kreises nicht identisch mit dem Radius der Kreise der Blume des Lebens, sondern kleiner.

In das Längsschiff der Kirche (sh. Abb. 2) passen genau drei vollständige oder sechs halbe Kreise und in das Querschiff genau zwei vollständige oder vier halbe Kreise mit eben diesem Radius. Die drei Portale und die drei halbrunden Chorkapellen sind dabei jeweils ausgenommen. Die Rundung des Chors wird vom obersten Kreis genau umschlossen. Im Zahlenverhältnis 2 : 3 zwischen Quer- und Längsschiff liegt natürlich die Quinte verborgen. Das Heilige Zentrum selbst gliedert das Längsschiff der Kathedrale im Verhältnis 2 : 4 bzw. 1 : 2, also nach der Oktave.
Die Größe des Kreisradius ist (Abb. 2) an die Größe der Vierung gebunden. Wäre die Vierung quadratisch anstatt rechteckig, so wäre der Kreisradius vom Heiligen Zentrum bis zur Mitte der Vierung größer; dementsprechend fielen die Maße des Kirchenschiffs entweder anders aus, nämlich größer, oder Längs- und Querschiff wären nicht mehr harmonikal nach Oktave und Quinte gegliedert.

Somit haben wir auch eine Antwort auf die Frage, warum die Vierung von Chartres entgegen anderen Sakralbauten rechteckig sein muß: Nur so ergibt sich die streng harmonikale Teilung des Kirchenschiffs. Das berücksichtigte der Baumeister bei der Errichtung der gotischen Kathedrale auf der kleineren romanischen Vorgängerkirche offensichtlich besonders.


Abb. 2: Gliederung des Kirchenschiffs entsprechend einem Kreis, der vom Heiligen Zentrum bis zur Mitte der Vierung reicht

Das Labyrinth

Auch das Labyrinth hat eine besondere Stellung innerhalb des Kirchenschiffs. Auf Abbildung 1 sieht man, daß seine Mitte genau spiegelsymmetrisch zum Heiligen Zentrum liegt: Der innerste Kreis der Blume des Lebens berührt oben das Heilige Zentrum und geht unten genau durch die Mitte des Labyrinths.

Das Labyrinth, auf dem Fußboden mit schwarzen und weißen Steinen als Intarsienarbeit seit dem Mittelalter erhalten, wurde früher von den Pilgern abgeschritten und steht natürlich symbolisch für den Lebensweg. Wer das Innere des Labyrinths erreichte, hatte zu sich selbst gefunden. Interessanterweise gibt es eine Entsprechung zwischen der Westrose über dem Königsportal (vgl. Abb. 1) und dem Labyrinth: Würde man es in die dritte Dimension nach oben klappen, so wäre es in Lage und Größe deckungsgleich mit der Fensterrose des Westportals.

Je nach Lichteinfall erscheint Jesus, der in der Mitte der Westrose abgebildet ist, im Zentrum des Labyrinths auf dem Fußboden. Und genau am 15. August, also an Mariä Himmelfahrt, fallen vom zentralen Fenster des Triptychons über dem Westportal die Umrisse der Maria mit ihren farblichen Schattierungen ebenfalls in das Zentrum des Labyrinths. Dabei handelt es sich natürlich nicht um einen Zufall, sondern um wohlkalkulierte Absicht, zumal Notre Dame de Chartres Maria geweiht ist. In der Koinzidenz zwischen Mariä Himmelfahrt und dem Erscheinen ihrer farblichen Gestalt im Labyrinth erkennen wir aufschlußreiche Bezüge zwischen der Kirche als Raum und der Zeit. Man darf insgesamt davon ausgehen, daß die Lage des Heiligen Zentrums als Entsprechung zum Labyrinth-Inneren bewußt gewählt wurde.
Übrigens hat auch das Chartreser Labyrinth selbst einen klaren Bezug zur Blume des Lebens: Sein Inneres zeigt wiederum angedeutet einen Kreis, um den sechs weitere Kreise angeordnet sind – genau wie im inneren Teil der Blume. Legt man die Blume des Lebens wie eine Schablone über das Labyrinth, so zeigt sich die Übereinstimmung in der Gliederung zwischen beiden. (siehe Abb. 3)


Abb. 3:  Die Blume des Lebens auf dem Chartreser Labyrinth

Merkaba und Zahlensymbolik

Von der Blume des Lebens auf dem Kirchengrundriß ausgehend, läßt sich das Merkaba-Feld der Kathedrale ausfindig machen. Mit der Merkaba ist das Sterntetraeder gemeint, das als rotierendes Lichtfeld jeden Körper – Menschen, Tiere, Pflanzen, Galaxien usw., aber auch Bauwerke – energetisch umgibt und das sich zweidimensional im Grundriß als Davidstern einzeichnen läßt. Auch das kleinere Labyrinth ist von einem Merkaba-Feld umgeben.

Anhand der Größendimensionen eines Menschen kann man errechnen, daß das Merkaba-Feld der Kathedrale 13.824mal und das Merkaba-Feld des Labyrinths 1536mal so groß ist wie das eines einzelnen Menschen. In diesen beiden Zahlen steckt mehr, als man zunächst annimmt: 13.824 hat die Quersumme 9, und 1536 ist genau 1/9 von 13.824. Die Neun wiederum ist die Zahl bzw. das Symbol Marias, die sich in vielen Darstellungen, z.B. als Schwarze Madonna in der Krypta und ebenerdig als Notre Dame du Pilier, findet.

Die Zahl 13.824 hat außerdem einen besonderen Bezug zum Leben Jesu: 12.144 wird als die Zahl der Lebenstage Jesu und 1183,38 als die Zahl seiner eigentlichen Wirkungstage angegeben. 13.824 : 12.144 = 1,1383399
Im Ergebnis findet sich durch Komma-Verschiebung und Zahlenvertauschung wieder ein klarer Bezug zu den Lebenstagen Jesu, sofern man die Zahlen qualitativ und nicht, wie in der heutigen Mathematik üblich, quantitativ betrachtet.
1 : 13.824 = 0,000723, und 7,23 Zentimeter entspricht nach Drunvalo dem Durchschnitt der Klänge aller Objekte in diesem Universum und ist auch die Wellenlänge des Mantras „Om“.

Ähnlich Erstaunliches findet sich in 1536, der Merkaba-Zahl des Labyrinths:
0,0002073 x ð x 1536 = 1. In 2073 verbirgt sich nicht nur erneut die durch Zahlenvertauschung auffindbare 7,23, sondern auch der Mondkalender, denn der Mondmonat hat 27,3 Tage, und eine Schwangerschaft dauert 273 Tage. Zudem besteht das Labyrinth aus 273 schwarzen (und 365 weißen) Steinen, weshalb man von jeher vermutete, daß es eine Art verschlüsselter Kalender ist. Die Zahl 1 steht zahlensymbolisch für Gott, und Pi (ð = 3,14159) ist natürlich die berühmte Kreiszahl, die das Verhältnis zwischen Umfang und Durchmesser eines Kreises bestimmt und somit auf die Form des Labyrinths verweist.

Insofern läßt sich die Labyrinth-Gleichung 0,0002073 x ð x 1536 = 1 zahlensymbolisch in einen sinnvollen Satz fassen: „Die menschliche (Wieder-)Geburt (273) mit Hilfe des Kreises (ð) der Labyrinth-Merkaba (1536) führt zu Gott (1).“ Klarer läßt sich eine Botschaft nicht in Zahlen ausdrücken!

Dies ist ein elementarer Hinweis auf die Funktion des Labyrinths, aber auch auf die Kathedrale als solche, die von Anfang an durch ihren Bezug zur Heiligen Jungfrau als Stätte der Wiedergeburt – und nicht der Verehrung des Todes Jesu, wie viele andere Kirchen – gedacht war.

Die hier aus Platzgründen nur in Ansätzen aufgeschlüsselte Zahlensymbolik und Geometrie machen deutlich, daß die Größe des Kirchenschiffs nicht willkürlich gewählt und auch nicht, wie bei modernen Bauten üblich, am „Bedarf“ der Menschen im Mittelalter orientiert war, sondern höheren spirituellen Prinzipien folgt.


Lesetipps

Klug, Sonja: Kathedrale des Kosmos. Die Heilige Geometrie von Chartres. München: Hugendubel, 2001.
Melchizedek, Drunvalo: Die Blume des Lebens. Band 1 und Band 2. Burgrain: Koha, 1999 und 2000.
Oslo, Alan: Die Geheimlehre der Tempelritter. Geschichte und Legende. Düsseldorf: Patmos, 1999.


 
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