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Autor: Dr. Claudius Kern
erschienen: 01.09.2000
Herausgeber: Elraanis
 

Den Sand aus den Sandalen schütteln...

BildIn den (Ver-)Bildungsanstalten und insbesondere auf der Universität versucht man uns – meist mit großem Erfolg - Arnold Gehlens Doktrin vom „Menschen als Mängelwesen“ einzutrichtern. Nach ihm sind Bedürfnisse nur das innere Spiegelbild eines gefühlten Mangels, das durch den „Instinktverlust“ des Menschen und seinem universellen Hand-Werkzeug bei gleichzeitiger Selbst-Gewahrwerdung möglich wurde.
Jahrhunderte lang haben sich gelehrte Akademiker in den „heiligen Hallen“ abendländischer Überheblichkeit die Gehirnwindungen heiß geredet über die Frage, was den Menschen vom Tier unterscheide, und warum er als „Krone der Schöpfung“ über der ganzen Natur stehe. Angesichts der Bestialität entlang (speziell) unserer abendländischen Kulturgeschichte ist diese Mühe durchaus verständlich. Aber meist geschah dies in Form von Rechtfertigung und Selbstlob, und so sind die Ergebnisse dieser Hybris - wie nicht anders zu erwarten - eher mager ausgefallen:
Der scheinbaren Machbarkeit aller Dinge bis hin zum austauschbaren menschlichen Körper steht auf dieser Plattform der „offiziellen Lehrmeinung“ die drohende Klimakatastrophe im Außen und ein völliges Versagen bei der Frage nach Sinn, Herkunft und Bestimmung des Menschen gegenüber. Wo es – aufgrund der drohenden Defizit-Szenarien – in absehbarer Zeit genug zu verdienen gibt, entfalten ganze Heere von Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen eine immense operationale Hektik. So in der allermodernsten „Life-Science“, wo nach entschlüsselten Genom-Schnipseln die alte, ach so fehlerreiche Welt und v.a. die immer leichter entgleisende Gesundheit des Menschen wieder zurecht manipuliert werden soll.


Zwischen Cyberspace und Innenwelt

Indessen haben sich einige Freaks des Cyberspace ebenfalls zu Lotsen einflußreicher Großfirmen gemausert, die an den Börsen der Welt notieren (von diesem allzu künstlichen Sternenhimmel des modernen Wirtschaftslebens sind jedoch gerade heuer recht viele Software-Gurus recht unsanft heruntergefallen). Wenn schon die Schöpfung aus erster Hand die kommende Klimakatastrophe nicht überstehen wird – Siliziumwafers sind wenigstens nicht auf sauberes Wasser, Luft und Nahrung angewiesen. Die Flucht oder „Auswanderung“ in die virtuellen Räume und künstlichen „Avatare“ nach dem Vorbild des Mister T-Online, hilft – so scheint es – derzeit vielen, sich über jene eher trüben Aussichten hinwegzuretten in die Fülle einer neuen, immer grenzenloser scheinenden Cyberware ...
Das ist die eine Seite, verkörpert durch oft recht märchenhafte Heilsversprechen einer mehr oder weniger dünnen Technokratenelite, je mehr uns das Wasser bis zum Halse steht. Der leider nur schein-bare Ausgang aus Platos philosophischer Höhle durch Ersetzen des unscharf flackernden Spiegels eines höchstens halb-wahren Welt- und Menschenverständnisses durch Cyberbrille und Rechenleistung.
Nun, dem verdienbaren Geld ist es egal, wo es auf Angebot und Nachfrage stößt. Aber wir sollten uns einfach zu schade dafür sein, unser Lebensgeschenk in diese Ersatz- und Prothesenwirtschaft zu geben. Vielmehr sollten wir unser gesamtes persönliches Leben neu arrangieren und erweitern, nach dem sicher drastischen, aber einfachen Motto des indischen Heiligen Ramakrishna: „Wer Gott hat, hat alles, wer Gott nicht hat, hat nichts.“
Und ich schreibe das, damit uns kristallklar wird, an welcher Wegkreuzung wir uns derzeit befinden, wir, die hier nach uralt-neuen Horizonten aufgebrochen sind. Damit wir uns noch leichter tun, den überflüssigen Sand aus den Sandalen zu schütteln, wenn wir die Städte derartiger Zirkusveranstaltungen verlassen ...
Doch schätze ich auf der anderen Seite außerordentlich die Errungenschaften eines geordneten systematischen Denkens, Forschens und Strebens. Gegenüber dem Mittelalter haben wir diesbezüglich enorm hinzu gelernt und wir brauchen diese Errungenschaften notwendiger denn je im Dschungel der heute allenthalben hereinbrechenden und überschäumenden Esoterik. Es hat wenig mit Verantwortung für die eigene Entwicklung zu tun, wenn wir einfach – wie eine ganze Generation nach Joseph Murphy – einer Art „Verdrängungspositivismus“ huldigen, wo Erwachsene sich in kindischsten Affirmationen systematisch Selbsttäuschungen einprogrammieren. De- und Umprogrammierungen veralteter Glaubenssätze sind ein beliebtes und wirksames Mittel, um das innere Licht von Verkrustungen zu reinigen, andererseits aber dürfen wir mit einer guten Portion „Hausverstand“ jenen aufgepappten, im Grunde unehrlichen Affirmationen begegnen, die nur unsere innere Stimme übertönen und übertünchen. Sie machen letztlich keine Freude. Einerseits brechen sie an der nächsten Ecke zusammen, wenn das Leben selbst seine Fragen (Prüfungen) an uns stellt, andererseits aber bleiben sie immer noch als Ausreden gespeichert, um gerade diese wichtigen „Fragen“ fehlzudeuten ...


Die Kluft wird zur Stufenleiter

Ein für mich wirklich vorbildlicher Forscher, der bereits in den 50er Jahren die Doktrin des defizit-motivierten Menschen zu widerlegen begann, war Abraham Maslow, der auch einer der Begründer der Transpersonalen Psychologie wurde. Das heißt, er sagte nicht einfach: „Leute, ihr liegt ganz falsch mit eurem Defizitmodell“, sondern er erkannte, daß es Teil einer Stufenleiter unserer Mensch-Werdung ist. Ich möchte sein Modell aber gleichzeitg mit dem eines anderen skizzieren, der ganz ähnliches schon 150 Jahre davor aufstellte, nämlich Johann Gottlieb Fichte. Zu meinen eingehenden Studien (als Grundthema meiner Doktorarbeit) habe ich nirgendwo einen Hinweis gefunden, daß Maslow je Fichte gelesen hat, aber beide ergänzen einander in wunderbarer Weise. Kurz und zusammen genommen sagen sie:


Bedürfnis- und Stufenmodell des Bewußtseins

1. Willkür: Wir treten an als „junge Seelen“ (so würde man in diesem Forum aus reinkarnationsorientierter Sicht sagen), die erst mal wie Ertrinkende nach Luft schnappen, wenn wir in die Dunkelheit der 3-D-Welten geraten. Wir schlagen um uns, und uns ist jedes Mittel recht, wenn wir nur überleben.
2. Recht: Im zweiten Stadium sichern wir uns unsere Grundbedürfnisse des Überlebens durch „Gesellschaftsvertrag“ – also nach dem Motto: „Wenn du mir nichts tust, tue ich dir auch nichts.“
Das ist das etablierte Stadium des Angstmodus. Denn im Grunde motiviert uns nur die Angst, das vereinbarte Recht nicht zu übertreten. In diesem Stadium scheinen sich die meisten Menschen noch zu befinden. Alles Böse liegt hier im außen und muß „bekämpft“ werden (Schulmedizin etc.). Die organisierte Herrschafts- und Ausbeutungsmentalität etabliert sich dabei zum allgemein akzeptierten System.
3. Moralität, (Defizit-)Liebe und Anerkennung: Hier erkennen wir, daß die positive Ausrichtung nach einem Vorbild und Ideal die bessere Wahl ist. Wir suchen Zuflucht in einer Heilslehre, die uns dieses Ideal verspricht sowie in einer geschützten Gemeinschaft der gegenseitigen Zuwendung und Bestätigung. In diesem Stadium tritt die Frage nach (eigener) Schuld und Wiedergutmachung in den Vordergrund.
4. Selbstverwirklichung bzw. Religio: Hier gewinnen wir unser Urvertrauen in eine übergeordnete Ordnung und Intelligenz allen Seins wieder zurück. Es geht nicht mehr um gegenseitige Bestätigung oder Schuld und Rechtfertigung, sondern um reale Selbsterforschung, (Selbst-)Vergebung und Heilung. Das Individuum entkrampft sich und geht von Verteidigung und vorgeformten Handlungsanweisungen zu selbst-bewußtem und selbst-initíiertem Wachstum über. Es findet zu einem echten (nicht anerzogenen) Ge(h)-Wissen sowie zu einem Einheits- und Fülle-Verständnis! Erst aus diesem kann wirkliche, nachhaltige Heilung erfolgen – für Mensch und Natur.
5. Fichte geht übrigens weitblickend noch darüber hinaus mit einem fünften, dem „wissenschaftlichen“ Stadium: Darin wird das vorhergehende, das er eher der Mystik (und keineswegs einer Glaubensreligion) zuordnet, in eine immer tiefere, systematischere Erforschbarkeit hinein geordnet. Er betont aber, daß es sich dabei keineswegs um die alte, manipulative Objektwissenschaft handelt, sondern im Gegenteil um eine intensive Begegnung von Subjekt zu Subjekt; ich würde sagen, um echte Bewußtseins-Forschung, die die gesamte Natur als Geist-Natur begreift.

Für unseren Leserkreis ist sicher dieses Stadium das interessanteste, aber das ganze Modell verhilft auch zu einem versöhnlichen Standpunkt gegenüber den vorhergehenden, die als Voraussetzung angesehen werden, um überhaupt so weit zu kommen. Und auch damit wird uns vor Augen geführt: Nehmen wir die herrschende und herkömmliche, manipulative „Weltverbesserungs-Forschung“ nach dem Ausbeutungs- und Nutzprinzip nicht zu ernst. Es ist ein vorübergehendes Stadium. Zugleich aber liegt es an uns, zu ihrer Überwindung beizutragen ...
Heute wird in den Schulen die „Maslowsche Bedürfnishierarchie“ allgemein gelehrt, aber sicher nicht der entscheidende Schritt, zu dem er sich bekannte, als er den Begriff „Transpersonale Psychologie“ einführte: „Die TP sieht den Mittelpunkt des Menschen nicht mehr in seiner kleinen Ich-Persönlichkeit, um die sich die ganze Welt mitsamt ihren Erfindungen und Errungenschaften zu drehen hat, sondern im Kosmos, im Universum, das die Fülle jeglicher Möglichkeiten bereits potentiell enthält ...“
Die Folge dieses Paradigmenwechsels ist in den USA ca. seit Beginn der 80er Jahre das „Human-Potential-Movement“, das nun auch in Europa als unübersehbarer Trend Platz greift. Dieser ist nicht mehr aufzuhalten. Denn so etwas wie den 2. Weltkrieg, der die Jugendstil-Bewegung der „verrückten“ 20er Jahre bis zum Ausbruch der Hippie-Bewegung stoppen konnte, wird es nicht mehr geben.



Die bessere Wahl

Indem wir die Angelpunkte durchschauen, an denen das alte Objekt- und Herrschaftssystem ansetzt, und durch die bessere Wahl ersetzen, verliert es seine Macht und seinen Zugriff. Einer der wichtigsten Angelpunkte dafür war die Schaffung des Bildes vom Menschen als ein Mängelwesen. In dem Maße, wie dieses Dogma fällt, ändert sich unser gesamtes Beziehungsgefüge, und allem voran das unserer Wirtschaftsweisen. Menschen, die sich auf das Konzept der inneren, kreativen Fülle einstimmen, lassen sich vom Flittergold, das die heutige Konsumwelt so sehr zum Tollhaus macht, nur noch wenig beeindrucken. Innerer Reichtum führt, wie ich es an mir selber erlebe, zu großer Gleichgültigkeit gegenüber äußerem Besitz und all den zahlreichen verlockenden Angeboten, die sich uns ständig aufdrängen. Es ist sonnenklar, das hierbei die Re-Ligio, die Rückverbindung mit dem Urgrund allen Seins, der entscheidende Akt ist, so, wie der Fall aus dieser Einheit uns in eine (umnachtete) Welt des Mangels stürzte, und – weil dies vor allem Energiemangel bedeutet – in ein gegenseitiges und an der gesamten übrigen Natur saugendes Schmarotzertum. Wir müssen nicht den ganzen Weg zurück gehen, durch den wir uns immer tiefer ins Netz der Abhängigkeiten verstrickt haben. Wir brauchen nur in Anmut den Sand aus unseren Sandalen schütteln ...


 
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