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Autor: Leila Dregger
erschienen: 11.01.2005
Herausgeber: ev
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Naturkatastrophen sind nicht gottgewollt

Perspektiven

Schnee in der Wüste, Seebeben im Indischen Ozean, Wirbelstürme, Fluten, Dürre- und Kältewellen, sommerliche Temperaturen zu Weihnachten in Nordeuropa: Der Planet gerät aus den Fugen. Im Grunde wussten wir es längst: Wir können die Erde nicht ununterbrochen verletzen und dabei erwarten, dass sie weiter ruhig ihre Bahn zieht. Seit wir die Warnungen von Umweltschützern in den Wind geschlagen haben, leben wir in der Naherwartung einer Katastrophe.

Die gesamte menschliche Zivilisation ist auf Zerstörung und Missachtung des Lebendigen aufgebaut. Solange wir diese Tatsache nicht erkennen und verändern, können vereinzelte Umweltreparaturen und Appelle an die Einsicht des Menschen nicht greifen.

Naturkatastrophen sind ein letzter Aufruf: Verlasst Babylon. Verlasst diese Lebensweise, die euch und die Erde zerstört. Es gibt eine Heilungsperspektive für die Erde; und es gibt eine Perspektive, wie der Mensch diese Katastrophen überleben kann.



Selbstheilungsvorgänge der Erde

Gaia Erde ist ein äußerst belastungsfähiger Organismus. Sie verfügt über hohe Kräfte der Regeneration und Selbstheilung. Auf alle Schäden reagiert die Natur mit einem sofortigen Heilungsvorgang. Aber irgendwann ist eine Grenze erreicht. Wenn die globale Gesamtbelastung zu groß wird, gerät die Erde in einen kritischen Zustand, wo mit unvorhersehbaren Reaktionen zu rechnen ist.

Warnungen hat es lange gegeben – nicht erst seit den „Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome; aber die Appelle nützten nichts. Im Gegenteil: Die globale Wachstumsmaschine rast immer schneller, immer mehr Wälder, Tier- und Pflanzenarten werden in den Rachen einer sinnlosen Industrie geworfen, die Berge, Meere und Völker frisst und Asche hinterlässt. Zu den schon bekannten Zerstörungen vom Äußeren des Planeten kommt die Zerstörung seines Inneren, deren Auswirkungen noch wenig erforscht sind. Metalle, Kohle, Erdgas, Uran werden der Erde – auch an den heiligen Stätten uralter Kulturen – seit Jahrhunderten in solchen Mengen aus dem Leib gerissen, dass immense Hohlräume entstanden, die allein schon die Ursache für die Unruhen des Erdkörpers sein könnten. Seit Jahrzehnten haben die großen Militärmächte in der Tiefe der Weltmeere und in Wüsten Tausende von Atomversuchen durchgeführt – trotz aller Warnungen von geologischen Instituten, rücksichtslos gegen das labile Gleichgewicht der Erdschichten und rücksichtslos gegen alle menschlichen und tierischen Bewohner der Landschaften.

Kaum ein Einzelner kann sich dem Wahnsinn entziehen. Kaum ein Fleck auf der Erde, der frei ist von dem Wirken der Megamaschine. Gerade das Gebiet der jetzigen Tsunami-Katastrophe mit seinen traumhaften Landschaften und fast unberührten Inseln gehört mit seinem Sextourismus, seinen gigantischen Shrimps-Farmen, seinen Hinterhofproduktionsstätten der Globalisierung, den Atomversuchen Indiens, den Bürgerkriegen, der Ausrottung von Naturvölkern und Tierarten und seinen durch Börsenspekulation verarmten Menschen – zu den tragischsten Opfern der Globalisierung.

Warum sind wir so dumm geworden?
Etwas in der Seele erstarrt, wenn wir diese Bilder sehen. Pukhet, Aceh, Südindien und Sri Lanka: Warum werden gerade die Ärmsten der Armen Opfer? Warum haben sogar die Tiere ein besseres Frühwarnsystem als der Mensch, da viele doch vor der Welle ins Landesinnere liefen und sich retteten? Gibt es einen Zusammenhang zwischen menschlichem Tun und dieser scheinbar reinen Naturkatastrophe? Wie kommt es, dass der heutige Mensch trotz aller Technik und Entwicklung so hilflos und unwissend ist?

Der moderne Mensch, der Sonden auf den Saturn schickt und ins Genmaterial eingreift, behauptet immer noch, Naturkatastrophen seien gottgegeben. Hier offenbart sich trotz aller Kontrolle über Lebensvorgänge sein Gefühl der Ohnmacht gegenüber der Wildnatur. Inzwischen sucht er keine Strategien mehr für die Heilung der Erde, kaum noch für Umweltreparaturen, sondern nur noch für verbesserte Warnsysteme. Mit anderen Worten: Der sich als Herrscher der Erde wähnte, denkt nur noch an Flucht.



Der Mensch ist dumm geworden.

Indem er seine eigene Wildnatur bekämpfte und unterdrückte, unterdrückte er auch die Wildnatur der gesamten Gaia-Erde. So hat er das instinktive Wissen der Tiere vergessen. Er hat das Weltbild von Ureinwohnern belächelt oder romantisiert. Was diese aber intuitiv wussten, deutet auf eine Tatsache, die erst langsam wieder an das Licht des Bewusstseins kommt: Mensch und Erde sind ein Ganzes.


Gaia war erst der Anfang

Die Erde selbst ist lebendig. Sie ist ein sich selbst regulierendes, lebendiges, unendlich vernetztes System. Das Wunder zeigt sich auf allen Ebenen, vom Zusammenspiel der Millionen Moleküle, die sich in einer einzigen Zelle befinden, bis zum Zusammenspiel der Lebewesen im tropischen Regenwald oder in den Weltmeeren. Mensch, Natur und Erde sind eine Einheit. Das ist keine religiöse Empfindung, sondern eine systemtheoretische Tatsache. Vom leichtesten Wimpernschlag bis zum größten Orkan ist alles aufgehoben im großen Ganzen der Erde, findet alles seinen Widerhall. Nichts existiert für sich allein, alles lebt in einem hochentwickelten Gewebe sichtbarer und unsichtbarer Gemeinschaften. Die Wälder und Ozeane, die Berge und alle Tier- und Pflanzenarten sind Organe des Organismus Erde; jedes hat seine eigene Aufgabe im Regelkreis; jedes steht in einem unmittelbaren Kommunikationsfluss aus ständiger Rückkopplung mit dem großen Ganzen.

Die Gaia-Hypothese von James Lovelock war erst der Anfang; neuere Erkenntnisse gehen noch weiter: Leben und Bewusstsein wohnen aller Materie inne. Die gleichen Lebens- und Bewusstseinskräfte, die unseren Körper bewegen, strömen durch jedes Lebewesen, durch jeden Stein, durch die Erde als Ganzes; sie verursachen Wirbelstürme und Erdbeben ebenso wie das Öffnen einer Blüte, sie lenken die Tätigkeit unseres Verdauungssystems ebenso wie das Glück der großen Liebe. Wir finden die Bewegungsformen des Lebendigen im Pulsieren der Zellen, in der Bildung von Wolken, im Ausbruch eines Vulkans, in den Mäandern der Flüsse und in der Gedankentätigkeit unseren eigenen Geistes. Alles ist ein Sein.



Der verbundene Mensch

Alles ist ein Sein. Mensch und Erde sind eins. Man stelle sich für einen Moment vor, tatsächlich in einer solchen Welt zu leben, in der täglichen Erfahrung, mit allem verbunden zu sein, aufgehoben zu sein, verwandt zu sein mit allem, was lebt. Menschen, die in diesem Bewusstsein aufgewachsen sind, stehen in Kontakt mit dem Leben um sie herum und in sich. Sie erhalten eine ständige, direkte Rückkopplung auf ihr Tun. So ist es kein religiöses Gebot, sondern eine Erfahrung: Was ich einem Mitgeschöpf antue, tue ich mir selber an. Was ich der Erde antue, tue ich mir ebenfalls selber an. Und was ich mir oder einem Wesen antue, tue ich der Erde an. Wer mit geöffnetem Herzen seine Mitgeschöpfe wahrnimmt, besitzt eine Richtschnur für sein Handeln und braucht darüber hinaus keine besondere Moral. Eine solche Kultur besitzt eine Selbstregulation, die sie stabil und belastungsfähig macht. Sie braucht keine Gesetzbücher und keine Gefängnisse, denn kein Mensch kommt auf die Idee, zu stehlen oder zu morden. Sie hat keine Massentierhaltung und keine Konsumindustrie. Ihre Städte sind keine monotonen Betonwüsten, sondern lichte Abbilder organischer Formen. Sie leben nicht in Vereinzelung und Anonymität, sondern bilden Gemeinwesen, in denen die Menschen sich aufeinander freuen und gerne miteinander in Kommunikation und Ergänzung stehen.

Der heutige Mensch hat sich aus der Gemeinschaft des Lebens losgelöst. Er machte sich die Erde untertan, entheiligte sie und erklärte sie zur toten Materie, um sich ihrer Rohstoffe zu bemächtigen und in den Kampf zu ziehen. Er lebt in Trennung. Nur als getrenntes Wesen war es ihm möglich, das Zeitalter der Eroberungen, der sogenannten objektiven Wissenschaft, des Kapitalismus bis hin zur Globalisierung der Gewalt einzuleiten.

Indem der Mensch aber die Erde zu einer Sache machte, verlor er den Platz unter den Mitgeschöpfen und sein Gegenüber in der Natur. Er erhält keine Rückkopplung mehr für sein Tun, denn er empfindet nicht mehr den Schmerz der Kreatur und auch nicht mehr den Schmerz seiner Mitmenschen. Die größte Verletzung der Erde besteht vielleicht im gestörten Kontakt der Menschen untereinander, schreibt Dieter Duhm in seinem Buch „Die heilige Matrix“. Angst und Gewalt bilden eine Barriere, die die Kommunikation und den Kontakt zwischen Menschen sowie zwischen Menschen und Tieren blockiert. Hier liegt der Grund für seine Dummheit. Und hier liegt auch die Chance und die Notwendigkeit zum Neuanfang.


Biotope der Heilung

Lynn Margulis, die Mit-Verfasserin der Gaia-Hypothese schreibt: „Wenn wir die ökologischen und sozialen Krisen, die wir selbst herbeigeführt haben, überleben wollten, wären wir wohl gezwungen, uns auf völlig neue, dramatische Gemeinschaftsunternehmungen einzulassen.“

Um den Selbstheilungsvorgang der Erde zu unterstützen und zu überleben, muss die Menschheit lernen, in Verbundenheit zu leben. Sie muss sich an das ursprüngliche Wissen des Schöpfungsganzen erinnern und es mit Hilfe von Wissenschaft, Ökologie und Technik auf unsere heutigen, modernen Bedingungen übersetzen. Sie muss wieder eintreten in die Gemeinschaft des Lebendigen. Das kann sie nur, wenn sie eintritt in eine Gemeinschaft unter Menschen.

Der Plan der Heilungsbiotope sieht vor, an geomantisch wichtigen Orten der Erde Forschungsbiotope für Mensch, Tiere und Natur zu installieren. Es sind Pilotmodelle für eine Friedenskultur zwischen Menschen und mit der Natur, für ein Öko-Hightech, das mit den Kräften der Natur kooperiert. Globale Friedenskräfte müssen jetzt zusammenarbeiten, um die finanziellen, politischen, wissenschaftlichen Mittel zusammenzubringen.

Naturkatastrophen sind nicht gottgewollt. Wir Menschen sind Gärtner der Erde, wir sind ihr Steuerungsorgan. Wir sind persönlich verantwortlich für ihr und unser Schicksal, wie der Astronaut Mitchell erkannte, als er vom Weltraum aus seinen Heimatplaneten erblickte.

Die Erde ist im Aufruhr. Diesen Aufruhr zu verstehen, in ihm unseren eigenen Aufruhr zu erkennen und ihn umzuwandeln in entschlossenes Handeln – darin liegt die wachsende Herausforderung der Naturkatastrophen: Bildet neue Netzwerke, entwickelt neue Konzepte und schafft Orte, an denen die inneren Zusammenhänge des Friedens verstanden und geschaut werden können!



Von Leila Dregger




Literaturhinweise:

Dieter Duhm: Die heilige Matrix – von der Matrix der Gewalt zur Matrix des Lebens.

James Lovelock: Die Erde ist ein Lebewesen.



Weitere Informationen:

Institut für Globale Friedensarbeit (IGF)

Sitz: Heilungsbiotop 1 Tamera

Monte do Cerro, 7630 Colos, Portugal

Tel. 00351-283-635484

igf@tamera.org

www.igf-online.org





 
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